Politik : „Wann reist ihr aus?“

Im Falle eines Irak-Krieges fürchtet Jordanien anti-westliche Ressentiments – Japaner verlassen das Land bereits

Andrea Nüsse[Amman]

Der Sonntag war mit Spannung erwartet worden. Es war der erste Schultag in der französischen Schule in Amman nach den regulären Ferien zum Opferfest, die durch Schneefall um drei Tage verlängert wurden. „Es sind nur drei Familien nicht aus den Ferien zurückgekommen", erklärt Direktor Francis Dechamps, „das ist weniger, als ich dachte." Noch vor den Ferien fragten sich viele Familien, ob sie angesichts eines drohenden Irak-Krieges überhaupt aus dem Urlaub zurückkehren würden. Doch die französische Botschaft hat als eine der wenigen bisher keine formelle Empfehlung zur Ausreise aus Jordanien gegeben. Ein westlicher Diplomat bescheinigte den Franzosen eine „Gemütsruhe". So fehlen in der französischen Schule amerikanische und spanische Diplomatenkinder sowie die Familien von Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes.

„Unser Betrieb läuft ganz normal", freut sich Dechamps, der die Schule möglichst lange geöffnet lassen will, da die Hälfte der Kinder Jordanier oder andere Araber sind. In der französischen Schule kommen im Gegenteil neue Kinder hinzu. „Wir haben mehrere Familien aus Kuwait, deren Kinder dort auf das französische Gymnasium gingen. Sie wollen die Zeit während eines möglichen Krieges in Jordanien verbringen," berichtet Dechamps. Anders sieht es in der englischsprachigen „International Community School" aus: Dort fehlen nach Angaben von Eltern bereits 70 Kinder. Die japanischen Familien waren als erste abgereist. Darunter sind aber auch die Kinder der deutschen Diplomaten: Nachdem die Botschaft vor etwa drei Wochen eine Ausreiseempfehlung ausgesprochen hatte, haben alle Familienangehörigen der Diplomaten das Land verlassen. Auch die deutsche Pfarrerin ist abgereist.

Seit Monaten beherrscht das Thema Krieg alle Gemüter in Jordanien, bei westlichen Ausländern immer mit der Frage verbunden: „Wann reist ihr aus?" Nach Angaben der Botschaften fürchtet man in Jordanien im Falle eines Krieges vor allem anti-westliche Ressentiments, die zu Ausschreitungen gegen westliche Ausländer führen könnten. Während die Amerikaner bereits nach dem Mord an dem Diplomaten Fooley im Oktober 2002 den „nicht unabdingbaren" Mitarbeitern die Heimreise anheim gestellt hatten, gab es für die etwa 600 Deutschen in Jordanien, darunter viele mit Jordaniern verheiratete Frauen, Weihnachten die ersten Direktiven: In seinem Festtagsgruß forderte Botschafter Martin Schneller auf, man solle Wasser- und Nahrungsmittelvorräte anlegen. Etwa 25 „Warden", Verbindungsleute zur Botschaft, wurden benannt, die Kriseninformationen an jeweils etwa 25 Deutsche weitergeben sollen. So bekommt man plötzlich unvermittelt einen Anruf, dass die Schutzbriefe für die Familie bereit lägen. Welche Schutzbriefe? Ein Schreiben im Din-A-4-Format soll im Notfall eher als ein deutscher Pass die Durchfahrt zum Flughafen gewähren. Vor drei Wochen dann wurde „intern" in Amman eine Ausreiseempfehlung gegeben. Das war eher verwirrend, weil sich gerade abzeichnete, dass durch den Widerstand einiger europäischer Nationen ein Krieg zumindest vorerst hinausgeschoben wird. Für weitere Verunsicherung sorgte ein Hinweis des Auswärtigen Amtes, dass Deutsche in Jordanien sich auf eine kurzfristige Ausreise vorbereiten sollen. Eine frühe Abreise hat den Vorteil, dass sie billiger ist. Wenn man im Notfall von der Bundeswehr evakuiert würde, kostet das mehr als ein Erster-Klasse-Flug mit der Lufthansa, erklären die Mitarbeiter der Botschaft immer wieder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben