Politik : Wann wird eine Maus ein Mensch?

Seit ein deutscher Professor Eizellen aus Stammzellen gezüchtet hat, fehlen den Ethikern in den Parteien die Worte. Aber auch der Forscher selbst braucht Rat

Markus Feldenkirchen

In einer Ecke des Reichstags, wo dieser Tage ganz hektisch über Reformen debattiert wird, geht es an diesem Montag um eine ganz andere Reform: die des Menschen an sich, zumindest aber um seine Definition. Im Turmzimmer des Südostflügels projiziert Professor Hans Schöler blaue Mäuse, entkernte Eizellen und Keimzellfelder an die Wand, die aussehen wie eine Wetterkarte. Er erklärt, wie er an seiner Universität in Pennsylvania kürzlich aus embryonalen Mäusestammzellen Eizellen gezüchtet hat – ein Vorgang, den kaum jemand für möglich hielt. Und der nun Fragen über die Zukunft der Stammzellforschung, über das therapeutische Klonen und das Menschsein aufwirft.

Deshalb sitzt er am Montag in Berlin, neben ihm Unions-Gen-Expertin Maria Böhmer, die ihn einlud, weil sie selbst mehr verstehen will. Schöler, der bis 1999 in Deutschland arbeitete, sieht nicht aus wie ein Revolutionär. Er trägt einen schwarzen Anzug, die Weste zugeknöpft, redet fast zaghaft. Eigentlich habe er mit seinen Forschungen etwas anderes herausfinden wollen. Aber jetzt hoffe er, dass sich aus den Erkenntnissen auch Therapien entwickeln lasse. Schöler hat – quasi nebenbei – die Debatte über das umstrittene therapeutische Klonen auf eine neue Grundlage gestellt. Mit Hilfe seiner Technik würde das Problem, genügend Eizell-Spenderinnen zu finden, wegfallen.

Schon bald will er seine Forschung an Affen fortsetzen. Und dann kommt der Mensch? Genau das will Schöler gemeinsam mit der deutschen Politik klären. Es gebe eine „Reihe von ethischen Problemen“, die zunächst aus dem Weg geräumt werden müssten. Böhmer nickt. Denn was ist das, was bei der Befruchtung von Schölers künstlichen Eizellen herauskommt, dieses Zellenkonglomerat, diese „embryoähnlichen Gebilde“ wie Schöler sie nennt. „Was wir im Reagenzglas erzeugen, ist für mich nicht schützenswert“, sagt er. Jetzt nickt Maria Böhmer nicht mehr. Doch statt ihre Definition zu geben, spricht sie viel von Ausloten, von Dingen, die man klären müsse. An ihren langen, umständlichen Sätzen merkt man, mit welch großen Fragezeichen die Gemeinde der Biopolitiker nun neben Schöler sitzt und vor Rätseln steht. Aber Böhmer möchte das positiv sehen.

Denn auch Schöler steht staunend vor dem eigenen Werk. Er sucht den Rat der Politik, „um Hilfe zu bekommen“. Wenn er merke, dass der Widerstand gegen seine Forschung zu groß ist, dann wolle er sie nicht auf den Menschen übertragen. „Dann mach’ ich das nicht. Auch nicht in den USA.“ Sie finde es vorbildlich, dass Schöler vorher frage, wo die ethischen Grenzen seien, sagt Böhmer. Das ist beruhigend. Gewiss. Nur die Antwort werden sie und ihre Kollegen Schöler irgendwann geben müssen.

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