Politik : Wanzen im Salon

Der Genfer Hauptsitz der UN wurde abgehört

Jan Dirk Herbermann

Genf - Die UN haben einen neuen Spionageskandal. In einem Konferenzraum des europäischen UN-Hauptsitzes in Genf, dem „Französischen Salon“, fanden Techniker „hoch entwickelte Abhöranlagen“, sagte UN-Chefsprecherin Marie Heuzé am Freitag. Die Geräte waren hinter Holzvertäfelungen des Art-déco-Saals verborgen. „In dem Raum werden wichtige Konferenzen abgehalten“, sagte ein Wachmann. Außerdem finden dort TV-Konferenzen zwischen UN-Generalsekretär Kofi Annan und dem Generaldirektor des Genfer Sitzes, Sergei Ordzhonikidze, statt. Mitte September 2003 konferierten zudem die Außenminister der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder USA, China, Frankreich, Großbritannien und Russland im „Französischen Salon“. Zusammen mit Annan diskutierten sie die Lage im Irak.

Nach Angaben der UN-Sprecherin gibt es bisher keine Erkenntnisse darüber, wer die Abhöranlagen angebracht hat. Unabhängige Experten schätzen das Alter der leistungsstarken, sehr kleinen Wanzen auf drei bis vier Jahre. Möglicherweise stammen sie aus Russland oder einem anderen Land Osteuropas.

Lauschangriffe sind bei den UN keine Seltenheit. Diplomaten führen wichtige Gespräche oft außerhalb der UN-Sitze New York, Genf oder Wien. „Am sichersten sind Parks oder belebte Straßen“, sagt ein Unterhändler. Vor wenigen Tagen enthüllte die „Washington Post“ eine Lauschattacke des US-Geheimdienstes auf Telefonate des Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed al Baradei, mit iranischen Diplomaten. Die USA werfen dem Leiter der Wiener UN-Behörde eine zu lasche Gangart gegenüber Teheran vor.

Annan selbst soll Opfer von Geheimdiensten gewesen sein, berichtete die ehemalige britische Entwicklungshilfeministerin Clare Short. Sie will entsprechende Abhörprotokolle des britischen Secret Service eingesehen habe. Die Aktion sei vor Beginn des Irakkriegs durchgeführt worden. Dementiert hat Premierminister Tony Blair die Äußerungen bis heute nicht.

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