Warnung : Experte: Bundesrepublik ist der Terrorgefahr kaum gewachsen

Trotz aller Fahndungserfolge bleibe die Bundesrepublik "extrem verletzlich". Die Sicherheitsbehörden seien auf die Anschlagsgefahr schlecht vorbereitet, warnt Terrorexperte Guido Steinberg.

Frank Jansen

BerlinEs ist ein Warnruf eines der besten Kenner der islamistischen Terrorszene: Die Bundesrepublik bleibe trotz aller Fahndungserfolge „extrem verletzlich“ und die Sicherheitsbehörden seien auf die Anschlagsgefahr schlecht vorbereitet, schreibt Guido Steinberg, Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik und ehemals Referent im Bundeskanzleramt zu Internationalem Terrorismus, in einer aktuellen Studie. Der brisante Text ist jetzt als Gastbeitrag auf der Homepage des spanischen „Real Instituto Elcano“ erschienen, das sich mit Außenpolitik befasst. Steinberg bescheinigt der deutschen Öffentlichkeit Defizite in der Wahrnehmung der Terrorgefahr, zum Teil aufgrund „tief verwurzelter Engstirnigkeit“. Und, als Konsequenz, Mängel in der Sicherheitspolitik. Steinberg fordert einen Paradigmenwechsel.

Polizei und Nachrichtendienste müssten die Radikalisierung bei jungen deutschen Muslimen sowie muslimischen Studenten an Universitäten weit stärker als bisher beobachten, schreibt Steinberg. Das gelte auch für die Rekrutierung aus den genannten Milieus für den Heiligen Krieg. Aus Steinbergs Sicht ist eine Rückkehr zu unpopulären „classical forms of human intelligence“ nötig – was er damit meint, ist offenkundig: Auf verdächtige Muslime deutscher und anderer Herkunft müssten mehr Spitzel angesetzt werden. Steinberg kritisiert, die Bundesregierung verlasse sich bislang zu sehr auf die Anwendung von Technik.

Die deutschen Mängel hält Steinberg für besonders gefährlich, da Al Qaida und ihre Verbündeten seit 2005 die Bundesrepublik als ein zunehmend „attraktives“ Anschlagsziel betrachteten. Denn Deutschland stelle das drittgrößte Truppenkontingent in Afghanistan, andererseits schwinde die öffentliche Unterstützung für den Einsatz. Die Terroristen kalkulierten, ein Rückzug der Soldaten könnte mit Anschlägen in Afghanistan und der Bundesrepublik selbst erzwungen werden. Deshalb müsse Deutschland seine Antiterrorkonzepte überdenken und die Sicherheitsarchitektur reorganisieren. Doch dies werde, endet Steinberg resignativ, wohl erst passieren, wenn auf deutschem Boden ein verheerender Anschlag verübt worden ist. 

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