Warschau : Eine Pragmatikerin als erste Frau an der Spitze

Bei der Bürgermeisterstichwahl in Warschau hat sich die Kandidatin von der oppositionellen Bürgerplattform, Hanna Gronkiewicz-Waltz, mit 53,2 Prozent der Stimmen durchgesetzt.

Warschau - "Ich bin vor allem konsequent, entschlossen, rede wenig und arbeite viel." Als erfahrene Managerin präsentierte sich die 54-jährige Hanna Gronkiewicz-Waltz im Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters von Warschau. Mit Erfolg: In der Stichwahl schlug die Kandidatin der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) und ehemalige Zentralbankpräsidentin sogar den beliebtesten Politiker Polens, den ehemaligen Premierminister Kazimierz Marcinkiewicz von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS).

Das verdankt die Juristin und Spezialistin für Bankenrecht von der Universität Warschau allerdings weniger ihrer persönlichen Überzeugungskraft als der politischen Konstellation in der Hauptstadt: Bis vor einem Jahr saß Polens heutiger Staatspräsident Lech Kaczynski von der PIS auf dem Sessel des Warschauer OB. Marcinkiewicz sollte für seine Partei das Amt sichern, was ihm trotz seiner Beliebtheit nicht gelang. "Die Warschauer haben mit dieser Wahl der PIS die rote Karte gezeigt, die in Warschau seit vier Jahren an der Macht war", interpretierte die Siegerin selbst am Sonntagabend das Ergebnis. Ausdrücklich dankte Gronkiewicz-Waltz der politischen Linken des ehemaligen Staatspräsidenten Alexander Kwasniewski und der bürgerlichen Linken für ihre Stimmen.

Langjährige Präsidentin der polnischen Nationalbank

Gronkiewicz-Waltz gibt sich als Pragmatikerin. Die Frau mit dem dunkelbraunen Kurzhaarschnitt erwähnt gerne, dass sie als Präsidentin der polnischen Nationalbank von 1992 bis 2000 sechs Ministerpräsidenten, sieben Finanzminister und zahlreiche Politiker verschiedenster Richtungen überstanden hat. Für diesen Posten hatte die Juristin der damalige Staatspräsident Lech Walesa ernannt. Gronkiewicz-Waltz erwarb sich internationale Anerkennung als Polens Nationalbankpräsidentin. Von 2001 bis 2004 arbeitete sie als Vizepräsidentin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, als erste Frau aus Mitteleuropa.

Auch an der Spitze Warschaus wird Gronkiewicz-Waltz die erste Frau sein. Sie selber hat nie feministische Positionen vertreten, am Wahlabend aber auch ausdrücklich ihren Wählerinnen gedankt. Großmutter und Mutter hätten ihr beigebracht, wie wichtig Erziehung und das Lernen seien, erklärt Gronkiewicz-Waltz, die bereits selbst Großmutter ist, in ihrem Lebenslauf. Über den Vater, der Anwalt war, kam sie schon als junges Mädchen in Kontakt mit der Politik. Er nahm sie mit zu politischen Prozessen gegen antikommunistische Dissidenten. Als junge Dozentin an der Universität, wo sie auch ihren Mann kennen lernte, engagierte sie sich bereits ab 1980 in der antikommunistischen Oppositionsbewegung Solidarnosc.

Zwar gehört Gronkiewicz-Waltz erst seit 2005 der liberalkonservativen PO an, seitdem auch dem Sejm. Doch schon früher engagierte sie sich auf der politischen Bühne des Landes: 1995 kandidierte Gronkiewicz-Waltz als unabhängige Kandidatin für das Amt des Staatspräsidenten, kam aber nur auf 2,76 Prozent der Stimmen. Unterstützt wurde sie damals von katholischen Bewegungen. Gronkiewicz-Waltz ist selber gläubige Katholikin, hat dies im Wahlkampf um das Amt des Warschauer Oberbürgermeisters allerdings nicht betont. (Von Sybille Korte, AFP)

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