Politik : Warten auf ein Signal aus Montreal

Zehntausende demonstrieren für mehr Klimaschutz / Umweltschützer: Anspruchsvolle Ziele vereinbaren

Dagmar Dehmer

Berlin - Zur Halbzeit wollten rund 7000 Menschen in Montreal die Delegierten der dort noch bis zum 9. Dezember tagenden Weltklimakonferenz daran erinnern, „worum es hier überhaupt geht“. So beschreibt der Sprecher der Umweltorganisation WWF, Jörn Ehlers, die Motivation der Demonstranten. Er selbst kam am Samstag im Eisbärenkostüm. Weltweit machten in rund 30 Städten zehntausende Menschen auf die globale Erderwärmung aufmerksam und forderten von der Montrealer Konferenz ein Signal für mehr Klimaschutz. An der Demonstration in Montreal nahmen auch Inuit (Eskimos) aus Kanada teil, die um ihre Lebensweise fürchten. Die durchschnittliche Jahrestemperatur hat sich in der Arktis im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung um 3,5 Grad erhöht, weltweit sind es 0,6 Grad. Schon heute ist die traditionelle Jagd der Inuit kaum noch möglich, weil die Region rund um den Nordpol immer später zufriert. Deshalb sind auch die Eisbären in akuter Gefahr, auszusterben.

Vertreter von Umweltorganisationen übergaben dem US-Konsulat in Montreal 600 000 Unterschriften von Amerikanern, die eine Umkehr ihrer Regierung in der Klimapolitik fordern. Allerdings machen sich die meisten Delegierten über die Chancen, die USA in ein verbindliches Klimaabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 einzubinden, kaum Illusionen. Auf den Gängen laufen sie mit Ansteckern herum, auf denen zu lesen ist: „Nur noch 1148 Tage Bush.“ Bevor der US-Präsident, der 2001 aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen ist, sein Amt verlässt, werde sich die Haltung Washingtons wohl kaum verändern.

Dennoch hofft die europäische Verhandlungsdelegation offenbar noch immer, eine Brücke bauen zu können, über die auch die USA gehen können. Der deutsche Verhandlungsleiter Karsten Sach aus dem Umweltministerium sagte in Montreal: „Es ist von äußerster Wichtigkeit, die USA als größten Treibhausgas- Emittenten in das System einzubeziehen.“ Denn auch der britische Premier Tony Blair hat im Vorfeld der Konferenz erkennen lassen, dass er womöglich auf ein verbindliches Kyoto-II-Abkommen zugunsten einer freiwilligen Vereinbarung unter Einschluss der USA verzichten könnte. Entsprechend enttäuscht sind viele Umweltschützer von der bisherigen Verhandlungsstrategie der Europäer. Trotzdem hat es in Montreal bereits einen Erfolg gegeben. Zumindest die Regeln zur Anwendung des Kyoto-Protokolls sind bereits angenommen worden.

Die WWF-Klimaexpertin Regine Günther erhofft sich, wenn die Umweltminister Mitte der Woche anreisen und die Konferenz in ihre entscheidende Phase geht, „ein Signal an die sich entwickelnden Kohlenstoffmärkte, dass es auch nach 2012 weitergeht“ mit dem Klimaschutz. Dem Tagesspiegel sagt sie: „Ohne verbindliche und anspruchsvolle Klimaziele gibt es weder einen Emissionshandel noch Technologiepartnerschaften mit Entwicklungs- oder Schwellenländern.“ Die Unternehmen bräuchten aber ein klares Signal, dass sich Klimaschutz auch künftig auszahlt, und klimafeindliches Verhalten teuer wird. „Das Kyoto-Protokoll sollte als Architektur mit Veränderungen fortgeführt werden“, fordert sie.

Nachdem die USA in der vergangenen Woche angekündigt haben, auch künftig nicht dabei sein zu wollen, geht es jetzt darum, wie sich die Entwicklungsländer stärker in den Klimaprozess einbinden lassen. Jedoch werden sich Länder wie China oder Brasilien auch für nach 2012 kaum schon darauf verpflichten lassen, ihren Ausstoß von Treibhausgas verbindlich zu reduzieren. Schließlich müssten die Industrienationen, die das Problem Erderwärmung verursacht haben, zunächst einmal beweisen, dass sie fähig und gewillt sind, den Klimawandel aufzuhalten.

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