Politik : Warten aufs Kind

Am 1. Januar 2007 kommt das Elterngeld – Ärzte warnen davor, Geburten zu verzögern

Sarah Kramer

Berlin - Nicht mehr lange bis zum Stichtag: Am 1. Januar 2007 tritt die neue Elterngeldregelung in Kraft. Danach erhalten Mütter und Väter, die zeitweilig für die Kindererziehung aus dem Beruf aussteigen, zwei Drittel des vorherigen Nettoeinkommens als Lohnersatzleistung. Bis zu 1 800 Euro gibt es im Monat – allerdings nur für diejenigen, die im neuen Jahr Eltern werden. Wer sein Baby vor dem Stichtag bekommt, kann lediglich das erheblich geringere Erziehungsgeld in Anspruch nehmen.

Deswegen bereitet der errechnete Geburtstermin nun zumindest einigen der künftigen Mamas und Papas Kopfzerbrechen. „Ich bin schon mehrfach gefragt worden, welche Möglichkeiten es gibt, die Geburt hinauszuzögern“, berichtet Joachim Dudenhausen, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité. Werdende Elternpaare hätten beispielsweise mit ihm über die Anwendung von wehenhemmenden Medikamenten gesprochen, um den auf die noch im alten Jahr terminierte Geburt aufs kommende Jahr zu verschieben. Dudenhausen lehnte ab. „Das ist medizinisch nicht vertretbar“, sagt der Mediziner. „Wegen des Elterngeldes werden wir keine Geburt aufhalten und keine beschleunigen.“ Auch Vorschlägen, im Falle einer Entbindung vor Jahreswechsel die Geburtsdokumente des Babys zu „frisieren“, nahm Dudenhausen den Wind aus den Segeln. „Das geht überhaupt nicht“ sagt der Arzt. „Wenn man sich auf solche Ideen einlässt, sind Himmel und Hölle offen.“

Was der Charité-Arzt schildert, ist nach Einschätzung des Bundes Deutscher Hebammen (BDH) die Ausnahme. „Die meisten Eltern wollen doch nur eines – dass ihr Kind gesund auf die Welt kommt“, sagt BDH-Sprecherin Edith Wolber. „Mit Gesetzesmanipulation ist das völlig unvereinbar.“ Wer die Einnahme von geburtshemmenden Medikamenten in Erwägung ziehe, müsse sich der möglicherweise schädlichen Konsequenzen für das Baby bewusst sein. So könne es bei einer künstlichen Entbindungsverzögerung im Mutterleib zu Sauerstoffmangel kommen, der Behinderungen beim Kind hervorrufen kann.

„Den Eltern, die in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel ihr Kind bekommen, sage ich: Ein Kind ist so unendlich kostbar, dass es mit einem Jahr Elterngeld nicht zu vergleichen ist“, sagt Famlienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Für Karin Wollschläger spielten solche Überlegungen bislang keine Rolle. Ihr Baby soll Ende Januar auf die Welt kommen. „Bisher konnte ich die Sache ganz entspannt sehen“, sagt sie. „Aber jetzt, wo es auf den 1. Januar zugeht, werde ich doch etwas kribbelig.“ Damit ihr Kind wirklich erst Ende des Monats geboren wird, hat sich die 30-Jährige jetzt viel Ruhe verordnet. Für Katrin Hentschel wäre das nichts: „Ich kann gerade vor Weihnachten nicht ruhig sitzen“, sagt die schwangere 30-Jährige. Ihr Junge soll am 1. Januar auf die Welt kommen. Mal sehen, ob er sich daran hält.

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