Politik : Warum die Drohung der EU-Staaten Haider nicht viel nutzen wird (Kommentar)

Markus Huber

Manchmal sieht es in Österreich so aus, als hätten die letzten 14 Jahre nie stattgefunden. Wie schon 1986, als in allen Welt-Medien die Kriegsvergangenheit des ÖVP-Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim das Thema war, ist die Republik in die Schlagzeilen der internationalen Medien gerutscht. Das Medienaufkommen im Land ist enorm. Wer derzeit über die Kärntner-Straße, die Haupteinkaufsmeile der Stadt, schlendert, läuft Gefahr, auf 300 Metern Fußmarsch von drei bis vier Kamerateams aufgehalten und ausgefragt zu werden: "Sind sie ein Nazi?", ist so ziemlich das einzige, was die Journalisten aus Deutschland, den USA und anderswo wissen wollen.

Normalerweise dauert es dann nur ein paar Tage, bis die Stimmung im Land von anti-ausländischen Ressentiments geprägt wird. Das war schon zu Zeiten Kurt Waldheims so, als das Gros der Österreicher mit stolzgeschwellter Brust "Jetzt erst recht" skandierte und Waldheim mit fast 54 Prozent zum Präsidenten wählte. Und viele glauben, dass das auch jetzt so sein wird.

Spätestens seit der Erklärung der EU-Staaten, die Beziehungen zu Österreich im Falle einer Regierungsbeteiligung der FPÖ auf ein Minimum zurückzuschrauben, warnen Staatsmänner und Medien davor, das Land nicht wieder in eine Bunkermentalität hineinzutreiben. Doch diese Meinungsmacher irren. Das mag skurril klingen, ist aber so: Diesmal ist keine "Jetzt erst recht"-Stimmung angesagt. Das wohl sicherste Indiz dafür ist die Berichterstattung der Medien. Zwar verbeten sich bürgerliche Medien wie die Wiener "Presse" in ihren Leitartikeln eine Einmischung von außen, der Boulevard, sonst immer am Ohr des einfachen Mannes, berichtet außergewöhnlich zurückhaltend über die internationalen Reaktionen. Die "Kronen-Zeitung", gemessen an der Einwohnerzahl die auflagenstärkste Zeitung der Welt und ansonsten einem kleinen Revanchefoul am Ausland nicht gerade abgeneigt - zeigte sich besorgt. Nüchtern wurde analysiert, was eine "Strafsanktion" der EU bedeuten könnte: für den Tourismus im speziellen, für die Wirtschaft allgemein.

Das lässt nur einen Schluss zu: Die Österreicher sind in den vergangenen Jahren europäischer geworden, als viele denken mögen. Und noch ein Unterschied zu 1986 und der Ära Waldheim: Damals kamen die Vorwürfe primär aus den USA und Israel; Länder, die sehr weit weg sind. Einwände der EU, Einwände aus Deutschland sind da für viele Österreicher sehr viel konkreter und werden ernster genommen. Eine Wendung des Meinungsklimas im Lande, die offensichtlich auch für viele Politiker überraschend kam - zumindest für Wolfgang Schüssel. Wie sonst ist es zu erklären, dass er sich am Dienstagmittag vor die internationalen Medien stellte und die EU-Reaktionen mit dem wütend-trotzigen Satz kommentierte: "Die Erklärung der 14 könnte möglicherweise auch eine Gefährdung für die Einheit der Union bedeuten." Offensichtlich hat Schüssel in den letzten 14 Jahren einiges verpasst.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben