Politik : Warum die Liberalen ihren Parteichef Gerhardt auffällig schonten

Thomas Kröter

Am Eingang des gerundeten Jugendstil-Baus knäueln sich die Menschen und Kameras. Umringt von mehrheitlich gesetzten Herrschaften im Sonntagsstaat zieht die regionale Michael-Kohlhaas-Variante, genannt "Remstal-Rebell", über "Schwätzer-Welle" und "Einschlaf-Gerhardt" her. Auf den Stufen fordern Schüler eine "freie Oberstufe", Rechtsradikale wollen Freiheit für einen eingelochten Mitstreiter; im Park hat der Cannstatter Kreisverband seine von der Bundespartei abweichende Haltung plakatiert - the same procedure as every year: Es ist die übliche Mischung von Parteivolk und Verrückten, eher eine Karikatur als ein Abbild der Bürgergesellschaft, die sich stets angezogen fühlt, wenn die Liberalen am 6. Januar zur Matinee ins Württembergische Staatstheater laden.

Eine rheinische Republik lang eröffnet das "Dreikönigstreffen" der FDP nun schon den Jahreskreis der etablierten Politik. Brav hockt drinnen das Publikum mehr als zwei Stunden auf den Klappsitzen, lauscht diszipliniert den Rednern, spart nicht mit Beifalls-, geizt mit Missfallsbekundungen. Es ist immer die gleiche Prozedur, ob die Protagonisten auf der Bühne nun Genscher, Lambsdorff, Kinkel oder Gerhardt heißen. Die FDP setzt den ersten Akzent nach der Feiertagsruhe; an prominenter Stelle vermelden die Medien die liberale Botschaft. So weit die Erinnerung trägt, war es die einer Regierungspartei.

Das war die FDP fast immer, außer kurz in fernen Jahrzehnten. Am ersten "Drei König" im neuen Millennium sind die Liberalen schon im zweiten Jahr der bundespolitischen Opposition. Noch sind die Reihen im Parkett und auf den Rängen nicht dramatisch gelichtet; aber das dunkle Rot der Polster blinkt unübersehbar an mehr Stellen hervor als gewohnt. Spaß an der Opposition hatte Generalsekretär Guido Westerwelle zwölf Monate zuvor propagiert; man habe die neue Rolle angenommen, kraftvoll solle sie ausgefüllt werden, hatte der Vorsitzende Wolfgang Gerhardt versprochen. Ein "verlorenes Jahr" hat Gastgeber Walter Döring die Zeit seit dem letzten Treffen genannt.

Der Schwabe zählt zu zu den sechs letzten Ministern, die den Liberalen in Bund und Land geblieben sind: hier, im einstigen Stammländle sowie bei den Nachbarn in Hessen und Rheinland-Pfalz. Im Osten, wo der Einheits-Matador Hans-Dietrich Genscher ihr eine kurze Scheinblüte bescherte, ist die FDP der "Partei bibeltreuer Christen" näher als der Fünf-Prozent-Marke. Scheuten die potenziellen Nachfolger nicht das Risiko von Niederlagen in den anstehenden Wahlen von Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, Parteichef Gerhardt hätte das Amt wohl längst verloren. Ein Misserfolg könne die "gesamte Führung" hinwegraffen, unkte Döring im heimischen Fernsehen anlässlich eines Anfalls von Ehrlichkeit. Daraus erwacht, nannte er die darüber berichtenden Meldungen "Quatsch".

An diesem Vormittag versucht keiner, Wolfgang Gerhardt die Schau zu stehlen. Der örtliche Justizminister Ulrich Goll könnte es selbst beim bösesten Willen nicht; Döring, durchaus ein deftiger Redner, huscht durch sein Manuskript, als sei ihm die seltene Chance auf bundesweite Aufmerksamkeit eher lästig, und Guido Westerwelle erweckt den Eindruck eines Parteisoldaten vom Range Wolfgang Schäubles. Wie der Christdemokrat gelegentlich bewusst auf Parteitagen eine schlechtere Rede hielt als Helmut Kohl, lässt der Liberale seinem Vorsitzenden jede Chance, die Rede des Tages zu halten. Wolfgang Gerhardt schlägt das Angebot aus.

Dabei ist seine Botschaft durchaus bemerkenswert; der Vorsitzende zeigt, dass er aus der Kritik an seiner Person sowie an seinem und Westerwelles Kurs gelernt hat. "Kälte" hat man ihnen vorgeworfen. Nichts da. Selten wohl war in der Rede eines Spitzenliberalen so viel von Armut und von Brüderlichkeit die Rede. Gerhardt will die Freiheitspartei menschlicher positionieren. So wie es sein Stellvertreter Rainer Brüderle gefordert hat, der nicht nur auf der Bühne dem Redner buchstäblich im Nacken sitzt, sondern sich auch als politischer Nachfolger bereithält. Zum prominenten Zeugen seines Freiheitsbegriffs hat er Albert Schweitzer erkoren. "Ich will weder meine Freiheit gegen Wohltaten hergeben noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben. Ich habe gelernt, selbst für mich zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen, dies ist mein Werk." Doch das Pathos des Doktors von Lambarene ist die falsche Tonlage für den spröden Berufspolitiker Gerhardt.

Die Partei hat an diesem Dreikönigstreffen mit der Sitte gebrochen, den Spitzen der wahlkämpfenden Landesverbände ein Forum zu geben. Das wäre zu lang geworden, lautet die Begründung, warum Wolfgang Kubicki aus Kiel und Jürgen Möllemann aus Düsseldorf in Stuttgart nicht auftreten. Wahr ist: Beide sind Kritiker Gerhardts, Möllemann der mit Abstand schärfste. Angst hatte man, dass er womöglich nicht die Westerwellesche Disziplin aufbringen und wider den offiziellen Parteistachel löcken würde. Mögen der Generalsekretär und Brüderle, vielleicht noch Döring als Mann mit dem besten Wahlergebnis einander in Schach halten - Möllemann, der ewige Kastenteufel, ist nicht steuerbar. Schafft er den Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag, vielleicht sogar in eine rot oder schwarz geführte Regierung? Den Rest der Führung graust es angesichts dieser Aussicht. Der Gefürchtete hat die gemeinsamen Aussichten kurz vor Drei König noch ein bisschen schonungsloser kommentiert - und das später noch nicht einmal dementiert. Wenn er gewinne, würden Gerhardt und Co. mit gewinnen, wenn er verliere, dann sei der Rest auch egal. Für alle. Solche Offenheit hätte in der Tat die bange liberale Weihestunde gesprengt.

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