Politik : Warum Fritz Kuhn und Renate Künast sich nun doch zur Wahl stellen (Kommentar)

Bernd Ulrich

Ist das nicht sympathisch? Renate Künast und Fritz Kuhn sind bereit, für den grünen Bundesvorstand zu kandidieren. Sie akzeptieren damit privat einen Rückschlag und beruflich ihre Re-Amateurisierung. Das hat die Partei, die immer Recht behält, so gewollt: Keine Vereinbarkeit von Amt und Mandat, keine Vereinbarkeit von Gewicht und Gehalt. Dabei hatten Kuhn wie Künast klar gesagt, dass sie es unter diesen Bedingungen nicht tun wollen. Auf den ersten Blick wirkt das inkonsequent. Auf den zweiten sind ihre Motive leicht nachvollziehbar.

Die Berliner Noch-Fraktionschefin und der Stuttgarter Noch-Fraktionschef mögen politisch nicht immer auf der selben Linie liegen, doch die Situation der Grünen beurteilen sie beide gleich. Sie denken, dass die Existenz der Partei auf dem Spiel steht. Das ist zweifellos richtig. Und sie denken, dass sie beide daran etwas ändern können. Das ist immerhin nicht ganz ausgeschlossen.

Die Lage der Grünen hat viele Ursachen. Eine davon ist die Blasiertheit der Basis: Sie erwartet von ihrer Partei zu viel und gibt ihr zu wenig. Vor allem zu wenig Geld. Ein anderer Grund wiegt noch weit schwerer: Die Grünen haben ihre Herkunftsgewissheit verloren. Sie haben gelernt, dass vieles von dem, woran sie in ihrer Ur-Zeit fest glaubten, überzogen war. So haben sie ihren Fundamentalismus überwunden. Sie haben außerdem gelernt, dass es falsch ist, sich an Symbole zu klammern. So haben sie ihren Pazifismus aufgegeben und einen Ausstieg aus der Atomenergie akzeptiert, den unter vier Augen nicht mal Realpolitiker als Erfolg bezeichnen. Außer der Herkunftsgewissheit haben die Grünen auch ihre Zukunftsgewissheit verloren. Am Anfang hatten sie Utopien, dann das rot-grüne Projekt. Jetzt ist ihre letzte Zukunftshoffnung, dass sie auch morgen noch regieren.

Die Partei hat spätestens in Karlsruhe die drei Ziele grüner Realpolitik endgültig akzeptiert: Drankommen, Dransein, Dranbleiben. Und weil die Grünen so sympathische Menschen sind, wurden sie darüber sehr traurig. Diese Trauer sieht man ihnen an, also werden sie nicht mehr gern gewählt.

Andere Parteien, die auch dann und wann regieren müssen, haben ein mehr oder weniger taugliches Mittel gegen den Sinnverlust: Grundsätze. Oder ein Grundsatzprogramm. Dort ist niedergeschrieben, woher man kommt und wohin man will. Das spendet Trost und gibt Perspektive. Die Grünen haben kein Grundsatzprogramm oder nur eines, das zwanzig Jahre alt ist, also doch keines. Darum treibt sie insgeheim vor allem eine Frage um: Gibt es irgendetwas, was typisch grün ist und nicht veraltet? Haben wir etwas, das über die Pressemitteilungen des Auswärtigen Amtes hinausginge?

Große Fragen, die überhaupt nur zu beantworten sind, wenn man sie etwas kleiner macht: Gibt es in der Partei irgend jemand, bei dem die Hoffnung besteht, er könne dieses Grün-Grüne, dieses Zukunfts- und Herkunftsgrüne auf eine moderne Art formulieren und im politischen Alltag erkennbar werden lassen? Vielleicht, höchstens vielleicht. Aber wenn es diesen Menschen gibt, dann muss er ein Realo sein. Denn im eisgrauen Linkssein eines Christian Ströbele liegt gewiss keine Zukunft. Und es muss jemand sein, der mit Joschka Fischer gut kann, denn nur ein Freund von Fischer kann mit einiger Aussicht auf Erfolg über Fischer hinaus gehen. Ja, und dieser Mann, wenn es ihn denn überhaupt gibt, heißt Fritz Kuhn. Und Renate Künast? Die will dasselbe. Sie ist, wenn es gut geht, die Nahkampfvariante des schwäbischen Linguisten.

Und der heimliche Vorsitzende? Erstmals hilft in der Krise das alte Rezept nicht weiter. Nicht noch mehr Fischer brauchen die Grünen, sondern weniger, und vor allem: offener, transparenter. Das müssen Kuhn und Künast erreichen. Oder sie erreichen nichts.

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