Politik : Warum geht es Ihnen so gut, Herr Schön?

Der Chef des Unternehmerverbands ASU sagt, was Wohlfühlen mit Freiheit zu tun hat

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Herr Schön, haben sich die deutschen Unternehmer mit dem Kanzler versöhnt?

Wieso?

Weil Sie alle so nett zur Bundesregierung sind.

Dazu sehe ich ehrlich gesagt überhaupt keinen Grund. Für mich gibt es keinen Anlass, diese Bundesregierung umfassend zu loben. Und ich kann auch nicht nachvollziehen, woher die Stimmung zugunsten der Regierung in Anbetracht der Kurzatmigkeit der Reformvorhaben kommen soll.

Immerhin packen die jetzt die Reformen an, die Leute wie Sie immer von ihr verlangt haben.

Das tun sie eben leider nicht. Sie haben zwar begonnen, überall ein bisschen zu tun und sie haben auch einen ziemlichen Wind entfacht. Aber der Sache fehlen Herz und Vision. Ich wette, dass die meisten Bürger überhaupt nicht verstehen, worum es zur Zeit geht und ich fürchte, dass die meisten Politiker auch kein griffiges Ziel nennen könnten, wohin uns diese Reise mit ihren vielen kleinen einzelnen Maßnahmen eigentlich führen soll, die sie da beschließen.

Eine umfassende Rentenreform oder die Neuordnung der Krankenversicherungen sind keine kleinen Einzelmaßnahmen, oder?

Die Diskussion wird viel zu oberflächlich geführt. Was da diskutiert wird, sind doch nicht die Fragen, die die Menschen innerlich wirklich bewegen. Warum diskutiert denn niemand in diesem Land statt Kostenproblemen die Frage, wie denn eigentlich die Gesundheitspolitik der Zukunft aussehen soll: Wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit kann sich der Einzelne denn vorstellen? Was ist erstrebenswert? Das sind doch die spannenden Fragestellungen.

Auf die Sie eine Antwort haben?

Ich kann Ihnen nur die Antwort geben, die ich als Unternehmer Max Schön habe. Mir zum Beispiel geht es gut – wirtschaftlich und persönlich, denn ich kann für mich selbst sorgen. Und das will ich auch. Ich möchte keinen Staat, der mich mit Kindergeld und kostenlosem Studium begießt oder mit Denkmalschutzsubventionen, mit denen man bei uns in Lübeck beglückt wird, wenn man ein altes Haus kauft. Aber dafür möchte ich, dass der Staat mir meine Freiheit gibt.

Und was soll jemand, der nicht reich ist und trotzdem Krebs bekommt, mit dieser Freiheit anfangen?

Ich bin dafür, dass er sich entscheiden darf. Wer weiß, dass in seiner Familie gehäuft Krebs auftritt, der weiß auch, dass er das Risiko, selbst zu erkranken verringern kann, wenn er regelmäßig zur Vorsorge geht. Was kann die Allgemeinheit dafür, wenn jemand ein genetisches Risiko hat, an Krebs zu erkranken, trotzdem raucht und dann Lungenkrebs bekommt?

Was kann ein Kind dafür, wenn es Mukoviszidose hat?

Nichts. Und da bin ich auch eindeutig: Für die elementaren Risiken des Lebens, die man nicht beeinflussen kann, sollte bei Bedürftigen die Allgemeinheit bezahlen. Für ein Kind, das schwer erkrankt, muss es das volle medizinische Programm geben können. Egal, wie teuer die Behandlung ist und egal, wie reich die Eltern sind.

In Ihrem System wird es Menschen geben, die früh sterben müssen, weil keine Krankenversicherung und kein Krankenhaus sie mehr aufnehmen.

In dem System, das wir jetzt haben, habe ich nicht einmal die Freiheit nach meinem Vorsorgebedürfnis zu entscheiden. Und wir könnten den Versicherungen ja die Auflage erteilen, eine Grundversorgung anbieten zu müssen. Jedes Mehr an Anspruch würde dann aber auch zu einem Mehr an Beitragszahlung führen.

Sie sind in der Minderheit: 95 Prozent der Deutschen würden, wenn man sie vor die Wahl Freiheit oder Sicherheit stellt, die Sicherheit wählen.

Und warum ist das so? Weil man den Menschen jahrzehntelang die Wahl verwehrt hat. Und weil sie jetzt glauben, dass es nur noch die staatliche Sicherheit gibt und dass nur die Politik dafür sorgen kann. Sie vertrauen nicht mehr auf sich selbst, nicht mehr auf ihr eigenes Urteilsvermögen, den Versicherungsumfang und die Eigenvorsorge für sich wählen zu können, die zu den eigenen Lebensvorstellungen passt. Warum aber sollte gerade der Pleite gehende Staat wissen, was für jeden einzelnen Bürger das Beste ist? Wir machen uns da was vor! Stattdessen wird jedoch immer nur repariert und erhalten, ohne darüber nachzudenken, ob die ursprüngliche Regelung Sinn macht oder nicht. Das ist genau so wie beim Denkmalschutz.

Beim Denkmalschutz?

Ich habe gerade zusammen mit einem anderen Unternehmer ein Haus gekauft in Lübeck. Es steht unter Denkmalschutz. Den Streifen vor unserem Haus durften wir nicht kaufen, weil der Denkmalschutz kein Auto davor geparkt sehen will. Den Weg rechts daneben bekommen wir nicht, weil die Stadtverwaltung den für einen Parkplatz braucht. Den Streifen links daneben will sie nicht verkaufen, weil die Stadt sich den Zugang zum Wasser sichern will. Dafür aber mussten wir den Garten so befestigen lassen, dass 30Tonner-Lastwagen von der Stadt darauf fahren können, wenn die Stadt dort etwas abstellen will. Wir haben ein Haus, aber keinen eigenen Weg hinein - also eine Insel. Und das alles nur, weil die öffentliche Hand meint, alles regeln zu müssen, ohne sich auch nur einen Deut zu fragen, ob alles das nicht auch vom Bürger lösbar wäre. Dann hätten wir wahrscheinlich sogar Zugang zum eigenen Haus über das eigene Grundstück.

Im Gegensatz zum Sozialsystem konnten Sie hier wählen. Warum kaufen Sie ein solches Haus, wenn sie die Auflagen und Einschränkungen für schwachsinnig halten?

Gute Frage. Ich mag alte Häuser und es macht Freude, sie zu erhalten. Aber wenn dann drei Monate später ein Brief vom Denkmalschutz kommt, in dem ich zum Erwerb eines Hauses zwar beglückwünscht werde, dann aber seitenweise einschränkende Auflagen und Vorschriften dranhängen, dann fühle ich mich schlicht enteignet. Bei einem anderen Denkmal wurde mir vorgeschrieben, welche Farbe die Fenster haben sollen, wie die Treppen innen und außen auszusehen haben. Ich darf keine neuen Holzfenster einbauen, sondern soll wurmzerfressene erhalten, weil dies ein Denkmalpfleger so möchte. Einem Bauherrn wollte man sogar verbieten, eine Zentralheizung einzubauen, weil es seinerzeit nicht üblich war, eine zu haben. Häuser wurden immer an neue Nutzungen angepasst und werden immer umgebaut werden. Es macht schlicht keinen Sinn, ein Haus im Zustand des Jahres x einzufrieren. Nur ein gut genutztes Gebäude wird lange erhalten und lange leben. Ein so verstandener Denkmalschutz hat Zukunft. Der konservierende Denkmalschutz bringt es auf lange Sicht häufig um. Und das gilt sinngemäß für das ganze Land.

Und was heißt das für die Gesundheitsreform?

Das heißt, dass wir uns an immer mehr Regelungen und Vorschriften gewöhnt haben, die angeblich im Sinne der Allgemeinheit getroffen worden sind. Dass aber jeder, der sie zum ersten Mal und in ihrer Gesamtheit sieht, einen Schock bekommt. Wir sind wie Frösche die in einem Topf sitzen, der langsam erhitzt wird. Wir bleiben drin sitzen und werden abgekocht. Ein Frosch, der in heißes Wasser geworfen wird, wird alles tun, um wieder herauszukommen.

Die meisten Menschen in Deutschland finden, dass der Denkmalschutz einen klasse Job macht.

Ja, aber nur solange sie von draußen drauf sehen. Das denken sie eben auch von der Rentenversicherung oder dem Gesundheitssystem. Sie denken das, weil niemand mehr etwas in Frage stellt. Weil wir trotz des Reformdrucks die Diskussionen, die wir führen müssten, nicht führen. Wir sind klasse beim Konservieren, aber superschlecht beim Aktualisieren und Weiterentwickeln.

Vielleicht müssen Sie einfach damit leben, dass Sie nicht in der Mehrheit sind?

Damit kann ich leben. Aber ich würde es gern haben, dass wir selbst entscheiden dürften, anstatt es irgendwelchen Kommissionen zu überlassen, Entscheidungen für uns zu fällen.

Gibt es denn eine einfache Lösung für komplexe Probleme?

Im Baurecht der DDR gab es sie. Da trafen sich am ersten Tag, zu Baubeginn, alle beteiligten Ämter auf der Baustelle. Und dann wurde vereinbart, was geht und was nicht geht. Das ist eine einfache Lösung für ein komplexes Problem.

Nur, dass es die DDR vielleicht auch deshalb nicht mehr gibt, weil die Zeit für Einheitslösungen vorbei ist.

Ja und nein: Einheitslösungen helfen uns nicht weiter. Aber wir müssen Entscheidungen wieder dahin bringen, wo sie hingehören: Beim Bauen aus dem Verwaltungsbüro zum Bauherren, bei der Gesundheit von den Kostenträgern zum Patienten. Die Menschen müssen wieder wissen, worüber sie entscheiden, denn sie sind ja auch diejenigen, die mit den Konsequenzen leben müssen. Dazu brauchen wir überschaubare Regelwerke, deren Einfachheit ein Wert an sich ist. Was im Augenblick in diesem Land stattdessen passiert, ist ein Herumkurieren und Herumstreiten an vielen einzelnen kleinen Problemen. Und wenn wir es nicht schaffen, daraus einen vernünftigen Reformentwurf für eine freie Gesellschaft zu machen, werden die Lösungsideen nie bei den Menschen ankommen.

Mit Max Schön sprach Ursula Weidenfeld. Fotos: Klaus Franke/Zentralbild

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