Politik : Was Ärzte zu Feinden macht - Bernd Schottdorf soll Millionen zu viel kassiert haben

Philipp Mausshardt

Der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) entschuldigt sich. "Nein", sagt Hans-Georg Roth am Telefon, "das schaffe ich nicht in ein paar Tagen. Da brauche ich länger." Roth war gebeten worden, ein Schaubild aufzuzeichnen, eine Art Schlachtplan im aktuellen "Laborkrieg". Darauf sollte zu sehen sein, welcher Mediziner einen anderen Mediziner angezeigt hat und warum.

Denn seit Jahren geht es unter den deutschen Laborärzten drunter und drüber. Die Kollegen verklagen sich reihenweise wegen Betrugs, Beleidigung, Schlamperei. Besonders heftig tobt der Streit in Bayern. Jüngstes Beispiel: In Augsburg steht der 60-jährige Laborarzt Bernd Schottdorf vor Gericht. In seinem nach eigenen Angaben größten medizinischen Privatlabor Europas (1300 Angestellte) soll er zwischen 1987 und 1995 mehrere "Stroh-Ärzte" beschäftigt haben und dadurch mindestens 17 Millionen Mark zu viel kassiert haben, sagt der Staatsanwalt. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns fordert sogar 35 Millionen Mark von ihm zurück. Der schon im April eröffnete Prozess muss wegen der Erkrankung einer Schöffin an diesem Montag noch einmal von vorne aufgerollt werden.

Aber eigentlich steht in Augsburg nicht ein Arzt, sondern ein ganzes Abrechnungssystem vor Gericht - ein System, das aus Kollegen erbitterte Feinde machte. Es ermöglichte Bernd Schottdorf, in den 80er Jahren völlig legal so viel Geld zu verdienen, dass er sich bei Heidenheim ein ehemaliges Thurn-und-Taxis-Schloss kaufen konnte samt 240 Hektar Wilrk. Dazu einen Reitstall, ein Privatflugzeug, einen Hubschrauber, mehrere Luxusautos und was man sonst noch braucht, wenn man als Sohn eines Betriebsarztes der Deutschen Bundesbahn plötzlich ein Vermögen gemacht hat.

Schottdorf hatte früh erkannt, dass man als Arzt allein mit Stethoskop und Blutdruckmessgerät kaum Geld verdienen kann. Je weiter weg vom Patienten, desto lukrativer erschienen die Verdienstmöglichkeiten. Also zog der ehrgeizige Arzt sein Labor auf wie einen Industriebetrieb. Schottdorf formuliert das heute vornehmer: "Ich habe aus den beiden Berufen, dem des Arztes und dem des Unternehmers, eine Synthese hergestellt." Das Prinzip Schottdorf war simpel: Sein rationalisiertes und stetig expandierendes Labor in Augsburg, in dem Blut-, Urin- und Serumproben untersucht wurden, war billiger als andere Laborpraxen. Bald hatte Schottdorf Patienten aus ganz Deutschland und sammelte pro Tag rund 80 000 Proben ein. Zuletzt machte er einen Umsatz von rund 200 Millionen Mark im Jahr.

Die Berufskollegen ärgerte das. Seit 1986 waren die Kosten für Laboruntersuchungen in Bayern auf einen Maximalbetrag begrenzt worden, und dieser Betrag musste unter den gemeldeten Laborärzten aufgeteilt werden. Durch Schottdorfs Expansionslust sahen sich deshalb viele Ärzte in ihrer Existenz bedroht. Ein Mediziner schlich sich sogar mit Bart und Brille verkleidet in das Augsburger Labor ein, um herauszubekommen, wie Schottdorf seine Arbeitsabläufe organisiert. Was der falsche Bartträger sah, war ein zum großen Teil automatisiertes Labor. In großen Serien wurden die gelieferten Proben auf Standardwerte untersucht. Am Ende schrieb der Arzt bloß noch sein "Servus" darunter.

Um die Fallbegrenzungen zu umgehen, war Schottdorf auf einen Trick gekommen: Bis zu 19 Labormediziner hatte er auf dem Papier bei sich beschäftigt, von denen einige nach Angaben ehemaliger Schottdorf-Partner das Labor nur zur Weihnachtsfeier betraten. Andere kamen für ein paar Stunden am Tag, um Hunderte von Unterschriften auf die Analysebögen und in die Mutterpässe zu setzen. Einige der Ärzte, die auf dem Praxisschild standen, sind in Augsburg nie gesehen worden. Allein für die Bereitstellung ihres Namens sollen sie von Schottdorf bis zu 30 000 Mark im Monat erhalten haben. Schottdorf und seine Anwälte, darunter der frühere bayerische Justizminister Hermann Leeb, bestreiten diesen Vorwurf nicht. Sie hätten damit eine Regelung unterlaufen, die 1994 ohnehin als verfassungswidrig eingestuft worden sei. Und außerdem: "Was ein Strohmann ist, ist juristisch überhaupt nicht geklärt. Ich habe jedenfalls nichts zu verbergen", sagt der Angeklagte.

Der Arzt, der zu den reichsten Medizinern Deutschlands zählt, hat eine der renommiertesten Anwaltskanzleien beauftragt. Eine Frankfurter Medienagentur soll außerdem dafür sorgen, dass die Berichterstattung über den Prozess in die richtige Bahn gelenkt wird. Schottdorf überlässt nichts dem Zufall. Wenn man ihn reizt, kommt er erst richtig in Fahrt.

Das Selbstbewusstsein dieses Mannes springt aus jedem Knopfloch seiner meist blau-weiß gestreiften Hemden. Den Amtsrichter in Augsburg, der den Prozess vor einigen Wochen formal eröffnete, ehe er nun wieder von vorne beginnen muss, hat Schottdorf schon fühlen lassen, dass er sich hier als Kläger fühlt und nicht als Angeklagter. Er will den Gerichtssaal nutzen, um mit der Vereinigung der Kassenärzte abzurechnen: "Die haben, was die Kontrolle angeht, völlig versagt." Denn tatsächlich hat Schottdorf selbst schon vor Jahren bei der Standesorganisation Betrug und Misswirtschaft von Kollegen angeprangert, ohne dass daraufhin etwas geschehen wäre. Witz am Rande: Ausgerechnet Schottdorf war von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns zum Mitglied einer Prüfungskommission ernannt worden, die die Abrechnungen aller Laborärzte untersuchen sollte.

Schon vor Jahren nannte Schottdorf Namen und Zahlen - eine dreistellige Millionensumme sei von seinen Kollegen falsch abgerechnet worden. Seinen Vorwurf ließ Schottdorf 120 000 Mal per Massendrucksache an alle Ärzte in Deutschland verteilen. Ein Aufschrei ging durch die Ärzteschaft. Und der Gegenangriff ließ nicht lange auf sich warten. Am 8. November vergangenen Jahres wurde Schottdorf festgenommen und gegen fünf Millionen Mark Kaution nach zwei Tagen Haft wieder freigelassen. Er darf Europa nicht verlassen und muss seinen Aufenthaltsort stets der Polizei melden.

Das ist Genugtuung für einen, der seit über zehn Jahren gegen Schottdorf kämpft - den Laborarzt Rudolf Seuffer aus dem schwäbischen Reutlingen. Die beiden Mediziner haben zwei Gemeinsamkeiten: Sie haben Millionen verdient und fliegen beide Hubschrauber. Ansonsten tauschen sie Zärtlichkeiten aus. Schottdorf über Seuffer: "der Lafontaine der Labormedizin". Seuffer über Schottdorf: "ein Rambo". Seuffer ist stinkig auf den "Grölaz" von Augsburg - den größten Labormediziner aller Zeiten -, weil der ein ganzes medizinisches Fach zu einem "Industriezweig hat verkommen lassen". Die Dumpingpreise aus Augsburg hatten alle 329 niedergelassenen Laborärzte Deutschlands zu spüren bekommen. Und Seuffer sieht sich als Opfer dieser Entwicklung. Im April 1994 schloss er sein Labor, das zuvor einen Jahresumsatz von mehr als zwölf Millionen Mark machte, "weil ich unter diesen Umständen meine Arbeit nicht mehr mit den Grundsätzen des Arztberufes vereinbaren konnte".

Der Ausgang des Verfahrens wird auf die gesamte Labormedizin in Deutschland Auswirkungen haben. Wird Schottdorf verurteilt und ihm daraufhin, was als wahrscheinlich gilt, die Kassenzulassung gestrichen, will er sein Laborimperium vom Ausland aus steuern. Schon einmal drohte er, aus Bayern auszuwandern, wenn man dort weiterhin "seine Vernichtung" betreibe. Die multinationale Investorengruppe "Alpha" besitzt bereits 55 Prozent der Anteile an seiner Laborfirma "Syscom". Spricht man ihn dagegen frei, wird Schottdorf alles daran setzen, die Konzentration der Laboranalytik in Deutschland weiter zu forcieren.

Für die Patienten hatte der Laborkrieg bislang kaum Vorteile. Zwar sind die Gebühren für Blut- und Urinanalysen in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig. Die Masse an Untersuchungen in wenigen Großlabors aber verhindert, dass sich der Laborarzt noch individuell mit auffälligen Werten eines Patienten auseinander setzt und den behandelnden Arzt berät. Außerdem wächst die Gefahr, dass die Proben auf langen Transportwegen verderben. Ein Mitarbeiter von Schottdorf schrieb in einem anonymen Brief, der beim Staatsanwalt liegt: "Viele Ergebnisse sind unbrauchbar." Das könne man aber den einsendenden Ärzten nicht mitteilen, weil die sonst "Zweifel an der Qualität unseres Labors bekommen".

Versagt - das ist wohl schon vor Prozessbeginn deutlich geworden - haben die Kassenärztlichen Vereinigungen, die das Geld der Krankenkassen verteilen sollen. Oft sitzen an deren Spitze Funktionäre, die selbst an Laborgemeinschaften beteiligt sind oder aber, wie im Fall Schottdorf, aus anderen Gründen jahrelang schwiegen, obwohl sie von den Abrechnungstricksereien wussten. Was sie regeln sollten, müssen nun Gerichte tun. Und Pressesprecher Roth sitzt noch immer über seinem Schaubild, um Klarheit zu bekommen, wer wen warum verklagt hat.

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