Politik : Was Berlin sich einbildet

Von Gerd Appenzeller

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Manchmal ist es gut, einfach auf die Zahlen zu schauen. Nach einer Statistik der Senatsschulverwaltung nimmt in diesem Schuljahr in den Bezirken Pankow, TreptowKöpenick und Lichtenberg an den Hauptschulen kein einziges Kind am freiwilligen evangelischen Religionsunterricht teil. In den ehemaligen Westbezirken, vor allem an den Gymnasien, sieht es etwas günstiger für die Kirchen aus. Ist der Streit um einen verpflichtenden Werteunterricht also eine Phantomdebatte?

In der Tat stehen wir in Berlin vermutlich nicht am Anfang, sondern am Ende einer Entwicklung. Die Vertreibung der Religion aus dem öffentlichen Bewusstsein und Leben ist, so muss man zynisch anmerken, eine der bleibenden Leistungen des 40 Jahre währenden kommunistischen Regimes in der DDR und deren ehemaliger Hauptstadt Berlin (Ost). Was jedoch dort völlig zerstört oder in Nischen zurückgedrängt wurde, verschwand im Westteil der Stadt schleichend unter dem Druck der so genannten Bremer Klausel des Grundgesetzes, nach der Religion nur noch fakultatives Unterrichtsfach wurde.

Das Ergebnis ist, wenn auch mit Nuancierungen, in Ost und West ähnlich. Was wäre wohl geschehen, hätte man vor 30 Jahren begonnen, den Mathematikunterricht freiwillig zu stellen und in die Randstunden zu verbannen? Vermutlich würden heute 80 Prozent der jungen Erwachsenen Aufgaben aus der sphärischen Trigonometrie für eine besonders gemeine Form des Gewissensterrors halten und der fürsorgliche Senat hätte deshalb ein Sammelfach „Kommunikations- und Kulturtechniken“ eingeführt. Dort würden dann so exotische Dinge wie Malen, Singen, Stricken und Rechnen vorgestellt.

Diese eher bizarre Vorstellung soll deutlich machen, dass der Verfall des Religiösen und, viel schlimmer in den Folgen, auch der christlichen Wertvorstellungen überwiegend nicht Ergebnis bewusster Verstandesentscheidungen der Betroffenen ist, sondern Ausfluss der staatlichen Schulpolitik. Was SPD und PDS uns als emanzipatorischen Akt der Bürger verkaufen, ist tatsächlich Ergebnis politischer Beeinflussung.

Auch deshalb führen wir die falschen Debatten. Es geht im Kern nicht um die Frage, ob Schüler ab Klasse sieben zwischen einem neutralen Werteunterricht und Religion entscheiden dürfen, so wünschenswert das wäre. Viel wichtiger ist: Was geschieht bis Klasse sieben? Auch da ist Religion ein freiwilliges Fach, und bereits hier und nicht erst mit der Religionsmündigkeit der 14-Jährigen beginnt die Fehlentwicklung. Schon von der ersten Klasse an nehmen in Berlin Kinder aus (auf dem Papier) christlich vorgeprägten Elternhäusern oft nicht mehr am Religionsunterricht teil. Unter den repressiveren Verhältnissen in vielen muslimischen Zuwandererfamilien sieht das anders aus. Wie der Religionsunterricht dort gestaltet wird, können wir nur mutmaßen – weil der Staat darauf verzichtet, Religion zum verbindlichen Fach zu erklären, ist er auch nur begrenzt in der Lage, die Ausbildung und die Intentionen der Lehrer zu kontrollieren.

Dabei ist es schwer, zu erklären, warum christlicher und jüdischer Glaube als das Abendland über Jahrhunderte hinweg prägende Leitideen aus einem verpflichtenden Fächerkanon ausgegliedert werden müssen. Natürlich bilden sich auch außerhalb der Kirchen Wertesysteme von Toleranz und Achtung vor dem Leben heraus. Aber auch für sie gilt: Wertvorstellungen verfestigen sich früh, nicht erst mit 14 Jahren. Kinder erleben schon im Elternhaus, ob Rüpelhaftigkeit ein geduldeter Umgangsstil ist oder als Grenzen verletzend geächtet wird. In der Schule sind Lehrer, durch ihre Art des Umgangs, Vorbilder. Obligatorischer Religions- und Werteunterricht prägt in dieser Kindheitsphase mehr als in späteren Schuljahren, vor allem, wenn orientierungslose Eltern als Leitbilder versagen.

Den furchtbaren Diktaturen, die wir im vergangenen Jahrhundert überwunden haben, war eines gemeinsam – der Hass auf die Religion und die Verfolgung des Christentums. Was auch immer die Berliner Politik sich also einbildet: Manchmal reicht es eben nicht, nur auf die Zahlen zu schauen.

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