Politik : Was bleibt, wenn er geht

Von Stefan Hermanns

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In der nächsten Woche wird es wieder so weit sein: Jürgen Klinsmann steigt ins Flugzeug und fliegt zurück in die USA. Er wird dann nicht nur ein anderes Land verlassen als das, in das er acht Wochen zuvor gekommen ist; er wird auch ein ratloses Land zurücklassen – ein Land, das die Frage umtreibt: Bleibt Jürgen Klinsmann Bundestrainer, oder bleibt er in den USA? Es ist eine ironische Zuspitzung der so genannten Wohnsitzdebatte des Nationaltrainers, dass Klinsmann die seit langem wichtigste Entscheidung für die Zukunft des deutschen Fußballs wohl in Kalifornien bekannt geben wird.

Das Land ist in den vergangenen vier Wochen nicht nur schwarz-rot-goldener geworden, es hat auch Vertrauen gefasst zu Klinsmann und seinen seltsamen Methoden. Es ist die Erkenntnis dieser WM, dass die Deutschen am Ende nicht immer gewinnen, dass am Ende aber Jürgen Klinsmann immer Recht hat. Er hatte Recht damit, Jens Lehmann ins Tor zu stellen. Er hatte Recht, offensiv spielen zu lassen. Er hatte Recht, die Fitness zu fördern. Und selbst mit David Odonkor hatte er zumindest nicht Unrecht.

Als Klinsmann 2004 seine Arbeit beim Deutschen Fußball-Bund begann, wirkte er noch wie ein Insolvenzverwalter, der ein traditionsreiches Familienunternehmen vor der Pleite retten und es für den Weiterverkauf fit machen soll. Seine Planung ging anfangs nie über die WM 2006 hinaus. „Ich habe zwei Jahre lang die volle Energie reingelegt und an nichts anderes gedacht als an den Finaleinzug“, hat er nach der Niederlage gegen Italien gesagt. Doch sein so genanntes Projekt hat längst eine langfristige Komponente entwickelt, und es scheint, als hätte Klinsmann Gefallen daran gefunden, nun selbst unternehmerisch tätig zu werden.

Ursprünglich wollte Klinsmann nur den kurzfristigen Erfolg, den WM-Titel 2006, inzwischen geht es ihm immer mehr um eine nachhaltige Entwicklung, um eine gezielte Nachwuchsförderung, um eine Struktur, die irgendwann von ihm, seiner Idee und auch seinem ansteckenden Optimismus unabhängig ist. Das ist sie noch nicht. Der deutsche Fußball in seiner Spitze ist nicht so gut, dass die Nationalmannschaft automatisch unter die besten vier der Welt gehört. Dass sie es bei dieser WM geschafft hat, liegt einzig daran, dass Klinsmann seine Überzeugung und seinen Enthusiasmus so lange ungebremst auf seine Spieler projizieren konnte, bis sie selbst alle ein bisschen klinsmannig waren.

Klinsmann mit seiner oft störrischen Art ist die beste Gewähr dafür, den deutschen Fußball vor einem Rückfall in seine alte Selbstgefälligkeit zu bewahren. Diese Selbstgefälligkeit hat sich bereits in einigen Reaktionen aus der Bundesliga offenbart, die sich schon vor langer Zeit im bequemen Mittelmaß eingerichtet hat. Die Nationalmannschaft wird immer mehr zu ihrem Gegenmodell und sollte doch ihr Vorbild sein – weil sie bewiesen hat, dass der deutsche Fußball mit den richtigen Methoden sehr wohl international konkurrenzfähig sein kann, mit jenem attraktiven, offensiven und wagemutigen Fußball, den Jürgen Klinsmann der Nation verordnet hat und den er so glaubwürdig verkörpert wie kein Zweiter.

Gerade deshalb wirkte es wie Ironie, dass das neue Deutschland gegen Italien auf genau die Art verlor, auf die das alte Deutschland früher gegen seine Gegner zu gewinnen pflegte: durch ein Tor in vorletzter Minute. Das alte Deutschland wäre vermutlich so clever gewesen, sich ins Elfmeterschießen zu retten. Das alte Deutschland aber hätte es gar nicht erst ins Halbfinale geschafft.

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