Politik : Was blieb von der "Samtenen Revolution"?

Alexander Loesch

Von Ernüchterung bis Vergangenheitsnostalgie reicht die Stimmungslage unter den Erben des demokratischen Aufbruchs von 1989; nicht nur in Ostdeutschland. Die Ursachen liegen zum Teil auch in den Träumen von damals, geboren aus der überraschenden Feststellung, wie leicht die alten Machtstrukturen zu kippen waren.

Vor zehn Jahren fielen die kommunistischen Diktaturen in Europa. Polen, Ungarn und dann auch die DDR. Doch während auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November schon eine Million Menschen ihre Angst überwunden und offen Radikalreformen gefordert hatte, schien in der Tschechoslowakei immer noch eine zu herrschen. Als ob die nach dem Sowjeteinmarsch von 1968 installierten neostalinistischen Statthalter ganze Arbeit geleistet hätten.

Der tschechische (und slowakische) Tag der Wende folgte mit Verspätung: am 17. November 1989, also gut eine Woche nach dem Berliner Mauerfall am 9. November. Diese beiden historischen Daten waren von den deutschen Nationalsozialisten bereits "belegt": Der 9. November bekanntlich durch die Reichs-Pogrome des Jahres 1938, der 17. November durch ein brutales Vorgehen der NS-Besatzungsmacht gegen protestierende Prager Studenten von 1939 und die nachfolgende Schließung aller tschechischen Hochschulen (bis 1945).

Während in jener Berliner "Nacht der Nächte" kaum jemand an die Nazi-Brandstifter und deren jüdische Opfer gedacht hatte, war das Signal zu der "Samtene Revolution" an der Moldau direkt mit dem Erinnern an den NS-Terror verbunden. Auch 50 Jahre später waren es tschechische Studenten, die gegen die Unterdrückung demonstrierten. Die kommunistischen Machthaber reagierten - wie die NS-Staathalter von damals - mit nackter Polizeigewalt.

Diese allzu sichtbare Parallele zum berüchtigten "17. November 1939" war psychologisch der finale Auslöser von nachfolgenden Massenprotesten, die schließlich am 10. Dezember Staatschef Husak zum Rücktritt zwangen. Den friedlichen Machtwechsel mit der KP-Macht ausgehandelt hat eine praktisch über Nacht entstandene und als "Bürgerforum" bekannt gewordene vereinigte Opposition. Angeführt wurde sie von dem weltberühmten Dramatiker und noch kurz zuvor inhaftierten Dissidenten Vaclav Havel. Bald darauf klebten an jeder Straßenecke im ganzen Land Plakate mit der Forderung auf Englisch: "Havel for President!" Dieser Wunsch des Volkes ging am 30. Dezember in Erfüllung, der Bürgerrechtler wurde in das höchste Amt gewählt. Bis auf eine Unterbrechung im Herbst 1992, als Havel aus Protest gegen die sich anbahnennde Spaltung der Tschechoslowakei zurücktrat, wurde der "Dichterpräsident" wiederholt bestätigt und ist bis heute Staatschef in Prag. Doch damit ist das schöne Märchen, in dem Träume wahr wurden, auch zu Ende.

Die Tschechen hätten vor zehn Jahren zu große Illusionen gehabt und seien nach der Konfrontation mit der unausbleiblich harten Realität des gewaltigen Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft jetzt entsprechend enttäuscht, sagte Havel unlängst in einem Tagesspiegel-Interview. Damit alleine ist die "miese Stimmung" im Lande (auch ein Begriff von Havel) aber sicherlich nicht zu erklären. Viele Bürger Tschechiens sehen heute ihren Präsidenten als letztlich Verantwortlichen an, weil er sich für Nachsicht gegenüber den alten Machthabern ("wir sind nicht wie die Kommunisten") einsetzte. Die Prager Wende sei daher zu sanft gewesen.

Die Folge ist in der Tat, dass die alten Kader nicht nur nicht zur Verantwortung gezogen, sondern oft zu mächtigen Drahtziehern in der jungen Markt- beziehungsweise oft eher Raub-Wirtschaft wurden. Die politischen Opfer des alten Regimes empfinden sich daher erneut als Verlierer, diesmal gegenüber der Willkür von skrupellosen roten Kapitalisten-Bossen. Und nicht selten sehen die Menschen dahinter ein System, ein Solidaritätsnetz der alten Seilschaften, die es mit Profi-Tricks geschafft hätten, den blauäugigen Reformern ihren Willen unterzujubeln. Denn, so der gängige Hinweis, nicht einmal die Justiz funktioniere, um die Wirtschaftskriminalität zu ahnden. Dafür sorgten schon die immer noch zahlreich aktiven Juristen aus alten Zeiten. Darüber hinaus sind die neuen demokratischen Parteien, auch die freilich noch zum Teil von gewendeten KP-Funktionären beherrscht, häufig in Affären verstrickt. Den Zulauf zu den unverändert orthodoxen tschechischen Kommunisten, die in den Oktober-Umfragen mit rund 22 Prozent stärkste Partei waren, bewertet Havel gelassen: Die Gefahr einer zweiten Machtübernahme durch die KP wie im Februar 1948 gebe es nicht, weil die Großwetterlage in Europa eine andere sei.

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