Politik : Was darunter steckt

DER KOPFTUCHSTREIT

Hellmuth Karasek

Ist ein Kopftuch eigentlich nur ein Kopftuch? Irgendwann bei ihrem hartnäckigen Weg durch die Instanzen hat Fereshta Ludin erklärt, sie sei bereit, das Kopftuch während des Unterrichts vor den Kindern abzulegen. Nur müssten Männer, die die Klasse betreten wollten klopfen und warten, bis sie es wieder umgelegt hätte, damit sie nicht sexuell entblößt dastünde.

Man stelle sich vor, Schulkindern würde dieses seltsame Verhalten vorgeführt werden – man kann sich ihre Irritation lebhaft vorstellen. Ein Kopftuch ist eben nicht nur ein Kopftuch, und was das islamische Kopftuch von dem Kruzifix unterscheidet, ist die radikale Ungleichzeitigkeit der Religionen. Während das Christentum sich in Mitteleuropa nach schweren Kämpfen, Revolutionen und Evolutionen zu einer modernen Religion entwickelt hat, die den säkularen Anspruch des Staates akzeptiert, die Gleichberechtigung mit anderen Religionen, die Gleichstellung aller Menschen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, ist der Islam, aus welchen Gründen auch immer, zurück zu seinen radikal mittelalterlichen Wurzeln gewandert. Er hat sich vor der Neuzeit wie vor einem Teufelswerk verschlossen. Der herrschende Islam ist vorwiegend durch fanatische Intoleranz geprägt - wie übrigens das Christentum während der Kreuzzüge oder der Kolonialisierung Nord- und Südamerikas auch.

Wir leben heute neben und mit einer islamischen Religion, die die Tötung Andersgläubiger nicht nur duldet, sondern propagiert, die Schriftsteller unter Todesstrafe stellen darf, die den Islam auch nur leise anzweifeln, die ständig heilige Kriege ausruft und kindlichen Selbstmordattentätern das Paradies versprechen kann. Wo der Islam seine Herrschaft uneingeschränkt ausübt, zwingt er Frauen durch die Verschleierung, durch die Sharia und deren Gesetze blutig in eine absolute Unfreiheit. Wer weiß, wie unmenschlich Frauen unter den Taliban zu leiden hatten, wie nach Jahren des Ayatollah-Regimes Frauen im hochzivilisierten Iran ihr Leben für marginale Freiheiten der Kleidung riskieren, der ahnt: Ein Kopftuch ist nicht nur ein Kopftuch, sondern für Millionen islamischer Frauen eine Frage von Leben und Tod.

Aber doch nicht in Deutschland!, wird man sagen, und das ist wahr, weil es hier viele Frauen gibt, die aus traditionellem Zugehörigkeitsgefühl das Kopftuch tragen. Nur wer sich durch so viele Instanzen für sein Kopftuch in der Schule verkämpft, wer hinter sich islamische Verbände hat, die man nur als fundamentalistisch bezeichnen kann, der – man kann es nicht anders deuten – versteht sich als Rammbock, um auch hier solchen Zuständen den Weg zu bereiten. Wir wissen, dass die Mehrzahl der Musliminnen in Deutschland weder Kopftuch trägt noch tragen will. Würden sie in einer Schule eine Kämpferin für das Tuch vorgeführt bekommen, die den öffentlichen Raum mit einem kämpferischen Symbol besetzt, müssten sie fürchten, dass ihre Umgebung darin eine Aufmunterung für die gleiche Repression sehen würde, wie sie in islamischen Staaten herrscht.

Die Debatte ist alt, aber notwendig: Freiheit und Toleranz können manchmal gegen Unfreiheit und Intoleranz nur verteidigt werden, indem man diesen beides verweigert.

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