Politik : Was der Staat nicht kann Von Rüdiger Schaper

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Sensationsgier hat Saison. Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Rathauses. Der Mob brüllt: Spring doch! Endlich treffen Polizei und Feuerwehr ein, es kommt zu einer allgemeinen Schlägerei. Aber die Lebensmüde wird gerettet. So geschehen in Lörrach.

Wenige Tage später in Dresden: Mario M. flüchtet auf das Gefängnisdach. Dort harrt er zwanzig Stunden aus, hält die Beamten zum Narren. Ein filmreifes Spektakel, Top-Story in den Boulevardblättern, mit Schlagzeilen, die direkt aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ stammen könnten. Mario M. steht wegen einer schrecklichen Tat vor Gericht. Wochenlang hat er die damals dreizehnjährige Schülerin Stephanie gefangen gehalten und vergewaltigt, für Foltervideos missbraucht. Und er war der Polizei einschlägig bekannt.

Verroht diese Gesellschaft? Viele Bürger fühlen sich nicht mehr sicher. Es geht die Rede vom schwachen, hilflosen Rechtsstaat. Der Sexualstraftäter Mario M. sei verhätschelt worden, warum reichte man ihm warme Decken und Essen? Hätte man ihn nicht vom Dach herunterschießen oder seinem Schicksal überlassen sollen?

Die Debatte wird schärfer, befördert durch Justizpannen, grundiert von einer gewissen Demokratiemüdigkeit. Offenbar gibt es eine wachsende Lust auf Selbstjustiz. Täter, heißt es bitter, würden besser geschützt als Opfer. Täterschutz aber ist das falsche Wort. Nach der Schlamperei in der Dresdner Vollzugsanstalt ging es ja nicht darum, dem Provokateur auf dem Dach einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Der – in diesem Fall schon geständige – Täter soll nicht vor Strafe geschützt, sondern seinem Strafprozess wieder zugeführt werden. In einem Zustand, der ein ordentliches Verfahren und eine rechtmäßige Verurteilung erlaubt.

Ein Schock jagt den nächsten. Natascha Kampuschs Peiniger hat sich durch Selbsttötung der Gesellschaft und der Strafe entzogen. Natascha und Stephanie – die beiden Horrorfälle berühren einander. Stephanies Martyrium wirkt wie eine Nachahmungstat. Und es gibt noch eine erschreckende Parallele, wenn man über die berechtigte Forderung nach einem stärkeren Opferschutz nachdenkt. Denn der Rechtsstaat schützt nicht – oder nur unzureichend – vor der medialen Verwertung von Leid und Qual.

Natascha wählte den Weg ins Fernsehen, auch Stephanie trat mit ihren Eltern in einer Talkshow auf. Neben anderen, möglicherweise materiellen Erwägungen, scheinen Verbrechensopfer und ihre Angehörigen sich von Medienauftritten und Exklusivverträgen mit Boulevardorganen eine Art Heilung zu versprechen – eine Genugtuung, wie sie die kühle Rechtsordnung nicht bieten kann. In diesem grellen Licht muss man die Frage von Täter und Opfer auch betrachten: Es ist unerträglich, wie sich Teile der Öffentlichkeit an monströsen Täterfiguren und dem Martyrium von Kindern hochziehen. Die Geringschätzung des Rechtsstaats passt zu dieser Inszenierung.

Doch Rechtsstaatlichkeit ist keine Erfindung von Weicheiern, sie gehört zum harten zivilisatorischen Kern. Sie verlangt oft Langmut. Selbst ein Massenmörder wie Saddam Hussein wurde nicht abgeknallt, als er aus seinem Erdloch kroch. Man hat ihm den Prozess gemacht. Alles andere wäre Lynchjustiz: Möglicherweise hat Super-Mario auf dem Dach darauf spekuliert. Dass die Polizisten so erbarmungslos und gestört vorgehen wie er selbst.

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