Politik : Was die Deutschen feiern sollten

Der 17. Juni muss wieder zu einem nationalen Gedenktag werden / Von Hans-Dietrich Genscher

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Die Erinnerungen an den 17. Juni 1953 sind so frisch, als wäre es gestern geschehen. Weniger als ein Jahr vorher hatte ich die DDR verlassen. Im Frühjahr war meine Mutter nachgekommen. Stalin war tot. Und nun eine breite Volkserhebung in der DDR. Die spärlichen Nachrichten zeigten: In Halle, meiner Heimatstadt, war der Protest besonders stark. Mich wunderte das nicht. Halle war einer der Brennpunkte der Aufklärung, der Protestantismus war hier besonders aktiv, 1848 kamen starke Impulse aus der Stadt, in Halle war die Forderung der Arbeiterbewegung nach sozialen Rechten besonders stark. Und nun der Volksaufstand. Wie wird das ausgehen? Wird es gelingen? Am liebsten wäre ich schon bei der ersten Nachricht nach Halle aufgebrochen.

Dass der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 mit seinen Forderungen nach sozialen Rechten, nach Demokratie und deutscher Einheit nicht zum Erfolg führte, nimmt ihm nichts von seiner historischen Bedeutung und nichts von seinem Charakter als Beitrag zur Freiheitsgeschichte der Deutschen. Es war der erste landesweite Volksaufstand im sowjetischen Machtbereich dem andere folgen sollten, in Polen, in Ungarn und in der damaligen Tschechoslowakei. Es war die sowjetische Besatzungsmacht, die den Erfolg verhinderte – blutig, mit Panzern. Es ist zu hoffen, dass die Erinnerung am 50. Jahrestag nach dem Volksaufstand dazu beitragen wird, dem 17. Juni – endlich – den ihm gebührenden Platz in der Geschichte einzuräumen. Der 17. Juni ist ein nationaler Gedenktag. Er sollte auch so öffentlich begangen werden mit Veranstaltungen, Schweigeminuten und vor allem auch im Unterricht unserer Schulen. Der nationale Gedenktag sollte in den kommenden Jahren auch genutzt werden, um an diesem Tage durch Namensgebungen für Straßen und öffentliche Plätze der Freiheitsrevolution 1953 zu gedenken – und das überall in Deutschland. Denn auch das muss bei dieser Gelegenheit gesagt werden: In der Bundesrepublik wurde aus diesem ebenso schmerzlichen wie historisch bedeutenden Gedenktag sehr schnell ein arbeitsfreier Tag wie andere auch. Und in der DDR tat die Führung alles, um den Aufstand zunächst als eine Aktion von außen zu diffamieren und dann der Vergessenheit anheim fallen zu lassen.

Mich hat dieser Tag nicht mehr losgelassen. Als ich im September 1988 mit Eduard Schewardnadse, dem damaligen Außenminister, zusammentraf, habe ich ihn auf die Lage der DDR angesprochen und gesagt, ich rechnete damit, dass es im Sommer 1989 zu großen Protestkundgebungen kommen werde – Entwicklungen, wie sie sich auch in anderen Staaten des sozialistischen Lagers abzeichneten und dass ich ihm in allem Ernst und als jemand, der – wie er wisse – mit großer Entschiedenheit für die Annäherung von Ost und West eintrete, sage, es dürfe sich nicht wiederholen, was am 17. Juni 1953 geschah, nämlich dass sowjetische Panzer gegen Deutsche eingesetzt werden.

Schewardnadse hielt damals meine Annahme, es werde zu solchen Demonstrationen kommen, für unbegründet. Aber schon wenige Monate später sah auch er es anders. In der Freude über den Fall der Mauer als Ergebnis der friedlichen Demonstrationen des Herbstes 1989 habe ich immer wieder an den 17. Juni und die gutwilligen und mutigen Frauen und Männer dieses Tages zurückgedacht. Wir sollten das auch in Zukunft tun, denn der 17. Juni 1953 wie der 9. November 1989 beweisen eins: Die Mauer wurde von Osten her zum Einsturz gebracht.

Und noch etwas: Was 1953 in der DDR geschah, war 1989 eine europäische Freiheitsbewegung. Anstelle der Verantwortlichen in Moskau im Jahre 1953 standen 1989 Gorbatschow und Schewardnadse, die mit einer Revolution von oben der Welt, und vor allem den Völkern in ihrem Herrschaftsbereich, eine neue Perspektive eröffnen wollten. Auch das gehört dazu: Eine aktive Politik des Westens und vor allem der Bundesrepublik Deutschland hatte neue Rahmenbedingungen für das Zusammenleben in Europa geschaffen. Die Ostverträge und die Schlussakte von Helsinki stehen dafür genauso wie die entschlossene Absage an sowjetische Machtpolitik mit dem Nato-Doppelbeschluss. Aber um es noch einmal zu sagen: Zum Einsturz gebracht wurde die Mauer von Osten her von mutigen, freiheitsbewussten Bürgerinnen und Bürgern. Deshalb sind die Deutschen aus der DDR nicht mit leeren Händen in das vereinte Land getreten, sondern mit dem kostbaren Gut selbst und friedlich errungener Freiheit.

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