Politik : Was die Liebe lehrt

Von Gerd Appenzeller

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Diese Stadt kann furchtbar sein, gleichgültig, ja, auch grausam und gnadenlos. Ihre Menschen tun einander dann unfassbares Leid an. Manchmal möchte man die Stadt dafür hassen. Und die Bewohner hier können auf anrührende Weise umsichtig sein, zärtlich und umeinander besorgt. Sie können Herz zeigen. Das sind die Momente, in denen man diese Stadt liebt.

Manchmal liegen das kaum Fassbare und das Liebevolle ganz nah beieinander, ist beides ineinander verwoben. Da ist eine alleinerziehende Mutter, die aus Gründen, die wir noch nicht genau kennen, von ihren vier Kindern weggeht und zu einem Freund zieht. Der Kontakt zu den Kindern reißt nicht völlig ab, doch mit Vernachlässigung ist der Zustand, in dem die Frau die ihr Anvertrauten hinterlässt, eher wohlwollend umschrieben. Und dann sind diese Kinder allein, acht, neun, elf und zwölf Jahre alt. Sie lieben ihre Mutter, auch wenn sie nicht verstehen, was die ihnen antut. Sie wollen nicht, dass Fremde erfahren, was vorgeht. Denn sie ahnen: Wenn rauskommt, dass sie auf sich gestellt, ohne Erwachsenen, in der Wohnung leben, findet das kein gutes Ende. Nicht für die Mutter, nicht für sie.

Also beschließen sie, zusammenzubleiben, sich durchzuschlagen, irgendwie. Der Zwölfjährige organisiert dieses Leben. Alle gehen in die Schule, alle machen ihre Hausaufgaben, keiner ist krank, irgendwie gibt es auch meistens etwas zu essen, nur mit der Sauberkeit bekommen sie ein Problem. Nach fast einem Jahr wächst dem Zwölfjährigen die Situation mehr und mehr über den Kopf und das Jugendamt erfährt, dass etwas nicht stimmt, bittet die Polizei um Hilfe. Dann erzählt das Kind, was geschehen ist, entschuldigt sich rührend für den schlimmen Zustand der Wohnung, sagt, dass ihm das alles peinlich sei. Nun kommt eines der Kinder am Wochenende von einer Klassenfahrt zurück, um die drei anderen kümmert sich das Jugendamt. Und man hofft, dass die Zusammenarbeit der Behörden so ist, dass schnell geklärt wird, was zu klären ist, und so, dass die Geschwister darunter nicht leiden.

Diese Geschwister. Die Öffentlichkeit geht nicht an, wo sie jetzt leben, sie haben jedes Recht auf Schonung, auf Anonymität. Aber sie bringen uns zum Nachdenken: Weil sie uns gezeigt haben, wie fest die Bande zwischen Menschen in einer Familie sind, wie zäh und mit welch unverrückbarer Liebe Kinder an ihre Eltern glauben wollen, wie viele Enttäuschungen sie ertragen, um sich die Illusion der Gemeinsamkeit nicht zerstören zu lassen. Aus Scheidungsverfahren wissen wir, dass Kinder die Schuld für das Scheitern der Beziehung ihrer Eltern oft bei sich suchen. Und dass sie nicht voneinander getrennt werden, dass sie zusammenleben wollen.

Diese Angst vor der Trennung war es – nach allem, was wir wissen – vor allem, die diese verschworene Gemeinschaft zusammenhielt. Denn dass sie, sollte das Jugendamt jemals die tatsächliche Lage erkennen, vermutlich als Familie endgültig auseinandergerissen würden, war offenbar ihre größte Angst. Dass aus dieser Angst niemals Wirklichkeit wird, ist die größte Verpflichtung, die dem Jugendamt jetzt erwächst. Vielleicht gibt es ja eine Chance, dass die Mutter den Weg zurück findet. Natürlich hat sie sich formal, juristisch und auch tatsächlich der Vernachlässigung ihrer Kinder schuldig gemacht. Doch keine amtliche Stelle darf darüber hinweggehen, dass die Kinder immer noch sehr an ihr hängen. Wenn sich eine Lösung mit der Mutter als nicht realisierbar erweist, dann aber muss ein Weg gesucht werden, der den vier Kinder hilft zusammenzubleiben. Ob in einer Pflegefamilie oder in einem Heim.

Jedenfalls darf es mit der Rührung über diese enge Verbundenheit der Kinder miteinander nicht getan sein. Wenn diese Stadt und ihre Menschen nicht in der Lage wären, eine Lösung zu finden, die mit der Liebe dieser Kinder zueinander und ihrer Leistung angemessen umgeht, in Respekt und mit Demut, wäre es ein Armutszeugnis. An mangelnder Fantasie sollte die Zukunft der vier jedenfalls nicht zerbrechen. Und am fehlenden Geld zu allerletzt.

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