Politik : Was heißt hier Sieg?

AMERIKANER IN BAGDAD

Robert Birnbaum

Was ist ein Sieg? Auf diese Frage gibt es in modernen Kriegen selten eine einfache Antwort; im Krieg um den Irak kann sie zur alles entscheidenden werden, militärisch, psychologisch, politisch. Fangen wir mit dem Militärischen an. Dieser Krieg verläuft vom ersten Tag an anders als von vielen vorhergesagt. Es fängt damit an, dass das Furcht und Schrecken verbreitende „shock and awe“-Massenbombardement offenbar mehr die Phantasie der Hobbystrategen als die der wirklichen Kriegsplaner beschäftigt hat. Auch andere Schrecken sind bisher ausgeblieben: keine Flüchtlingsströme, kein Aufstand der arabischen Massen, keine Raketen auf Israel, kein Giftgas. Es endet vorerst damit, dass nach nicht einmal drei Wochen die Briten in Basra, amerikanische Sturmspitzen im Zentrum Bagdads und CNN-Reporter vor vergoldeten Wasserhähnen im Präsidentenpalast stehen.

Ist also der Moment nahe, an dem, wenn nicht Saddam Hussein selbst, so doch sein Generalstabschef die Kapitulation anbietet? Es spricht nicht viel dafür, dass der Konflikt auf derart klassische Weise endet; aber wir wissen es nicht. Wir wissen überhaupt sehr wenig darüber, ob und, wenn ja, welche Vorstellungen der Diktator von seinem eigenen Endkampf hat. Flucht in seine Heimat Tikrit? Überleben im Bunker bis zuletzt? Ein mythentauglicher Heldentod? Oder glaubt Saddam Hussein an die eigenen Durchhalteparolen? Er wäre ja nicht der Erste, den am Ende der Realitätssinn verlässt.

Umgekehrt wissen wir wenig darüber, wie sich das US-Oberkommando den Kampf um Bagdad denkt. Man kann eine Strategie erahnen, die darin besteht, die Zugänge zu der 4,5-Millionen-Stadt zu blockieren und durch Panzervorstöße und Kommandounternehmen nachhaltig Überlegenheit zu demonstrieren in der Hoffnung, dass der Widerstand zusammenbricht.

Aber vielleicht bricht der Widerstand auch gar nicht zusammen. Die US-Militärs warnen vor Überschwang. Und selbst wenn es so einfach ginge – wäre das dann der Sieg? Die Frage ist deshalb so ungeheuer wichtig, weil in diesem Krieg ja vom ersten Moment an feststand, wer ihn gewinnen wird. Unklar war immer nur, um welchen Preis. Damit sind wir bei der psychologischen Bedeutung der Sieg- Frage. Als größte Unkalkulierbare hat sich bisher die irakische Bevölkerung erwiesen. Dass selbst regimekritische Iraker nicht Blümchen schwenkend auf ihre selbst ernannten Befreier zulaufen, ist verständlich – sie warten den Ausgang ab. Wie lange die ihrer Regierung, mindestens ihrem Vaterland treuen Iraker weiterkämpfen werden, zuletzt womöglich als Guerilla im Untergrund, ist schwer zu prognostizieren. Vermutlich wird auch das vom Ausgang abhängen.

Ein bisschen plakativ gesagt: Wenn es gelingt, Saddam Hussein zwischen zwei US-Marines im Fernsehen vorzuzeigen, kann der Krieg damit vorbei sein. Wenn umgekehrt die US-Armee die Straßenkreuzungen und die leeren Paläste Bagdads kontrolliert, der Spitzen des Regimes aber nicht habhaft wird, kann der Kampf sich lange hinziehen und viele Opfer fordern. Selbst dann noch, wenn in Washington längst der Sieg proklamiert wird. Dass von dort vorsorglich schon zu hören ist, ob man Saddam Hussein selbst fasse oder nicht, sei gar nicht so wichtig, wenn nur die Strukturen seiner Herrschaft zerstört seien, könnte sich als Irrtum erweisen. Ein Sieg muss eindeutig sein. Denn er ist nur dann einer, wenn ihn auch der Besiegte anerkennt; sonst kann er in eine Niederlage umschlagen. Wie das die Israelis in Beirut erlebten.

Damit sind wir bei der dritten Dimension der Sieg-Frage, der politischen. Man kann so seine Zweifel haben, dass der Irak als US-Protektorat zur Demokratie geführt werden kann. Um so schwerer wird das, je länger die Kämpfe sich hinziehen, je mehr die US-Armee also als Feind handelt. Darum haben die USA ein großes Interesse daran, den Feldzug so rasch wie möglich und so unblutig wie möglich zu beenden. Aber das liegt eben nicht allein in ihrer Hand. Nach allem, was dieser Krieg an Wendungen mit sich gebracht hat, ist die Prognose nicht gewagt, dass auch der Sieg eine Überraschung sein wird: wie er kommt und wann, und was er dann bedeutet. Auch dieser Krieg ist mit dem militärischen Sieg allein nicht gewonnen. Der Frieden wird die viel kompliziertere Aufgabe.

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