Politik : Was heißt schon sympathisch

Merkel hat die Chance, das TV-Duell trotz Schröders hoher Beliebtheitswerte zu gewinnen

Armin Lehmann

Berlin - Das Duell rückt näher, und die Demoskopen gehen in Deckung. Die kommende Bundestagswahl scheint bereits für die Union entschieden zu sein, aber eine Prognose darüber, wer das Fernsehduell am Sonntag gewinnt, will kaum jemand abgeben. Das liegt daran, dass der größte messbare Unterschied zwischen Kanzler Schröder und Herausforderin Merkel der Sympathiewert ist. Schröder ist den Leuten sympathischer – vor allem im Fernsehen. Deshalb glauben beim aktuellen Deutschlandtrend der ARD auch 65 Prozent, dass Schröder das Duell gewinnen wird. Wie entscheidend aber ist der Sympathiefaktor wirklich?

Das Allensbach-Institut für Demoskopie hat herausgefunden, dass die Reformwilligkeit der Deutschen ungleich höher sei als 2002. Man wertet das als Beleg für eine neue Ernsthaftigkeit des Wählers. Nun gilt Allensbach als unionsnah, doch auch Richard Hilmer von Infratest dimap bestätigt diesen Trend und sagt, den „Bürgern ist bewusster, dass Reformen kommen müssen“. An dieser Stelle sind sich viele Wahlforscher einig, dass es weniger um Sympathie als vielmehr um Glaubwürdigkeit gehe. Und beim Stichwort Glaubwürdigkeit liegt Angela Merkel nicht nur weit vor Gerhard Schröder, sondern auch weit vor Edmunds Stoibers Werten aus dem Jahr 2002, was wiederum dazu führt, dass die Befragten die CDU-Chefin bereits als designierte Kanzlerin betrachten und dementsprechend auch eine genauere Vorstellung darüber haben, wie sie denn sein und wirken soll.

Das war 2002 bei Stoiber noch anders: Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach hat in seiner Analyse der Fernsehduelle Schröder zwar als „Dr. Feelgood“ bezeichnet, um zugespitzt dessen Erfolg darzustellen: „Gute Laune verbreiten“ in einem „leichteren und leichtlebigeren Deutschland, in dem alles schon nicht so schlimm kommen würde“. Aber das, finden Richard Hilmer von Infratest dimap und Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, sei nur die halbe Wahrheit. Schröder habe vor allem bei den Themen Irak und Flut Kompetenz gezeigt, die für den Sieg im TV-Duell entscheidend war.

Stoiber galt damals zwar als kompetent, aber Merkel gilt heute nicht nur als kompetenter als Stoiber 2002, sondern auch als mutiger, ehrlicher, ernsthafter. Das Label „ein ernsthafter Mann für ernste Zeiten“ hatte man für Stoiber erfunden, aber es passe, sagt Thomas Petersen vom Allensbach-Institut, jetzt viel besser auf Merkel. Die Forschungsgruppe Wahlen hat sogar einen „ausgeglichenen Durchsetzungsfaktor“ zwischen Kanzler und Kanzlerkandidatin ermittelt. Das ist ungewöhnlich für einen Herausforderer und deutet darauf hin, dass den Menschen Merkels Entscheidungsfähigkeit womöglich wichtiger ist als ihre heruntergezogenen Mundwinkel.

Merkel ist zwar weniger beliebt als Schröder, sie hat viel weniger Zuneigungswerte, dafür punktet sie bei anderen Werten wie Verstand, Linie und Sachkenntnis. „Die Menschen sehen bei ihr nichts Schillerndes, keine Aura“, sagt Thomas Petersen, „aber genau das macht sie ernsthaft“. In den meisten Feldern werde ihr mehr Kompetenz zugesprochen als Schröder, sagt Allensbach, vor allem bei der Schaffung von Arbeitsplätzen, sagt die Forschungsgruppe Wahlen. Infratest dimap wiederum hat herausgefunden, dass Schröder ausgerechnet bei der Wirtschaftskompetenz noch vor Merkel liege.

Spannend wird es am Sonntag allemal. Die Wahlforscher sind extrem vorsichtig zu orakeln, welche Faktoren den Ausschlag für Schröder oder Merkel geben könnten. Da Merkel aber von vielen Deutschen bereits wie eine Kanzlerin betrachtet wird, ist die Fallhöhe für sie wohl ungleich höher. „Das Duell ist ein wichtiger Test darüber, wie glaubhaft sie als Kanzlerin sein wird“, sagt Hilmer. „Sie muss sich beweisen.“

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