Was ist Europa? : Die neuen Grenzen des alten Kontinents

Der Brexit stellt die EU nicht nur vor enorme Herausforderungen, sondern auch Existenzfragen. Wo Europa anfängt und endet, ist längst nicht mehr klar. Ein Kommentar.

Foto: Jörg Carstensen dpa

Darüber, wo Europa und damit die aus frühmittelalterlicher Sicht bewohnbare Erde endet, hatten die Menschen auf diesem Kontinent ziemlich klare Vorstellungen. Die zu verstehen, muss man nicht einmal in die Tiefen der Mythologien abtauchen. Es genügt ein Blick auf die Landkarten. Auf ihnen sind die westlichsten Landmarken mit dem aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriff „Ende des Landes“, finis terra, bezeichnet. In Frankreich heißt ein ganzes Département Finisterre, in Spanien wird der Ort als Cabo de Finisterre benannt, im englischen Cornwall findet man „Land’s End“.

Warum das heute wichtig ist? Weil die Frage der Grenzen Europas untrennbar mit den Brexit-Verhandlungen, ja, mit der Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, verbunden ist. Denn das britische Nein zur Europäischen Union gerade in sozial abgehängten Regionen der Insel lässt sich vor allem aus einem Überdruss an Europa erklären – einem Überdruss freilich, der sachlich viel weniger begründet, als von einer elitären und verantwortungslosen Oberschicht aus einer Laune heraus politisch instrumentalisiert worden war. Das politische Europa ohne Großbritannien muss sich schnell darüber klar werden, in welchen räumlichen Zusammenhängen es sich selbst künftig als einheitlichen Entscheidungs- und Lebensraum versteht.

Die EU-Ost-Erweiterung ist bis heute nicht bewältigt

So klar also immer alles im Westen war, so liegt die Grenzziehung im Osten Europas im Nebel der verschiedenen kulturellen Prägungen, historischen Erfahrungen und politischen Zielvorstellungen. Wo der alte Kontinent geografisch endet, ist einfacher zu beschreiben als die Definition der kulturellen Schranke, die Europa von, ja, von was, eigentlich, trennt. Von Asien? Die politische Vision basierte auf der geografischen Realität, als nach dem Zerfall der Blöcke viel von einem Europa vom Atlantik bis zum Ural die Rede war. Russland selbst nahm die Definition auf. Am deutlichsten trat sie in einer Rede von Präsident Wladimir Putin vor dem Deutschen Bundestag am 25. September 2001 hervor, als er sagte: „Russland ist ein freundlich gesinntes europäisches Land.“ Putin hat danach dem Westen immer wieder vorgeworfen, die in dieser Rede kaum versteckten Angebote der Kooperation weder verstanden noch aufgegriffen zu haben. Die Kritik ist berechtigt, das europäische und US-amerikanische Schweigen aber erklärbar: Putin sprach in Berlin zwei Wochen nach den islamistischen Terroranschlägen, die wir unter dem Begriff 9/11 zusammenfassen und die die Welt veränderten.

Die Fragen, die sich heute stellen, sind aber näherliegend, geografisch und politisch. Die erste EU-Ost-Erweiterung von 2004 mit acht Staaten und die von 2007 mit zwei weiteren, mit Rumänien und Bulgarien, war die größte Expansion, die die EU jemals auf einen Schlag gewagt hat. Sie ist bis heute nicht bewältigt. Zwar waren auch die Südwest-Ausdehnungen auf Spanien, Portugal und Griechenland gewaltige wirtschaftliche Entwicklungsprogramme, die zumindest im Fall der beiden Erstgenannten einen enormen wirtschaftlichen Schub auslösten. Aber die Einbeziehung weniger des Baltikums und Sloweniens als die Ungarns, Polens, Tschechiens und der Slowakei führte in diesen vier mittelosteuropäischen Ländern absolut nicht zu einer Europa-Begeisterung. Diese Attitüde des Hinnehmens der finanziellen Vorteile bei gleichzeitiger Ablehnung demokratischer und humanitärer Verpflichtungen kannte die Europäische Union bis dahin nicht. Diese Erfahrung hat die Bereitschaft der Menschen in den tradierten EU-Staaten, über eine neuerliche Erweiterung der Union nachzudenken, fühlbar abgekühlt. Dennoch waren beide Osterweiterungen, um ein abgegriffenes Schlagwort zu verwenden, alternativlos. Die Furcht in vielen dieser Länder vor der lauernden Übergriffigkeit Russlands belegt das mehr als alles andere.

Europa ist im ständigen Wandel

Freilich zeigen diese Erfahrungen auch, dass sich das Gefühl dafür, was zu Europa gehört und was nicht, durchaus wandelt. Die Balkanstaaten können sich auf ihrem Weg in die EU allenfalls selbst Steine in den Weg legen. Das Türkei-Thema ist ferner denn je. Aber das liegt vor allem an Erdogan und seiner De-facto-Diktatur. Die menschlichen Beziehungen sind durch Einwanderung und deutsch-türkische Ehen unberührt. Und darüber hinaus? Armenien, Ukraine, Georgien, Weißrussland, Russland selbst? In einer EU wie heute unvorstellbar. Aber in Bündnissen der zwei Geschwindigkeiten, der unterschiedlichen Einbindung, eher als Wirtschaftsblock, in zehn Jahren denkbar. Was sind Grenzen? Trump ist nicht überall.

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