Politik : Was Lafontaine schreiben wird

Stephan-Andreas Casdorff

Das Buch hat es in sich. Der Medienrummel schon vor der Veröffentlichung schwillt an zum Bocksgesang. Weil der Autor die Wahrheiten aus seiner Sicht schildert: "Gegenwärtig macht die SPD den Eindruck eines organisatorisch desolaten, inhaltlich zerstrittenen Haufens. Die politischen Zuchtmeister sind längst an ihr verzweifelt." Hart geht er mit dem Vorsitzenden ins Gericht: "Schwierigkeiten sind da aufgetaucht, wo er ohne hinreichende Absprachen vorgeprescht ist, insbesondere bei Themen, die in der Partei stark emotional besetzt sind." Und er legt ein flammendes Bekenntnis ab: "Ja, die Idee des Sozialismus ist faszinierend; sie war es, und für mich bleibt sie es bis heute."

Ein Vorabdruck aus Oskar Lafontaines Werk "Das Herz schlägt links", das die SPD und ihr Vorsitzender mit Unruhe erwarten? Nein, nur Auszüge aus Gerhard Schröders Buch "Reifeprüfung. Reformpolitik am Ende des Jahrhunderts" von 1993. So lang ist es also gar nicht her, dass Schröder das Wort Sozialismus kannte. Und wusste, wie man ein Buch vermarktet: mit Vorabkritik. Der SPD-Vorsitzende hieß damals Björn Engholm. Wenig später trat Engholm zurück.

"So sehr die Partei auch eine gewisse Personalisierung ihrer politischen Positionen braucht, so schwierig wird die Angelegenheit beim Parteivorsitzenden. Mehr als etwa die Mitglieder des Parteipräsidiums muss der Vorsitzende ein Gefühl für politische Zurückhaltung entwickeln - und dies nicht etwa, weil er der Einzige wäre, der um die Integration der verschiedenen Standpunkte bemüht zu sein hat." So klingt Schröders Reifeprüfung für einen Vorsitzenden. Heute ist er es selbst.

"Für diese kritischen Schichten wird die SPD aber nur attraktiv bleiben, wenn sie in zentralen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung eindeutige Prinzipien vertritt." Das meint auch Lafontaine. "Sowenig der Parteivorsitzende ein politischer Eunuch sein darf, sowenig gestattet ihm die öffentliche Wahrnehmung eine Privatmeinung; äußert er sich, legt er die Partei fest." Auf diese Meinung hat sich Schröder 1993 festgelegt.

Die Meinungen über den Autor liegen ebenfalls schon länger fest. Seinen "notorischen Mangel an Solidarität" beschrieb im letzten Jahr die FAZ. "Er hat einen Hang zu groben Fouls", sagte vor sieben Jahren ein Mitglied des Parteipräsidiums. "Es darf nicht sein, dass Illoyalität Methode wird", befand zu dieser Zeit der Vorsitzende. Das war Engholm. Wen er meinte? Schröder. Und einer sollte, in der Stunde der Not nach Engholms Rücktritt, auf keinen Fall sein Nachfolger werden, obwohl er sich sofort gemeldet hatte - Schröder. Die SPD "nicht den Trampolinen" zu überlassen, forderte damals Hans-Jochen Vogel telefonisch aus dem fernen Kasachstan. Teamarbeit und Fähigkeit zur Harmonie verlangte dann im Vorstand Oskar Lafontaine und meinte, an Schröder gewandt: "Mit dir, Gerd, geht das nicht."

"Die Kommunikation auch und gerade an der Parteispitze ist verbesserungsbedürftig." Wie wahr. "Als moderne Partei muss die SPD aber auch ein Politikverständnis vermitteln, in dem nicht jede Kritik an der Meinung des Parteivorsitzenden als Majestätsbeleidigung missverstanden wird." Das Buch hat es in sich. Sein Inhalt, sein Ton - die "Reifeprüfung". Von Gerhard Schröder.

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