Politik : Was macht die Welt?: Büßen, keulen, einbestellen - die Politik und das Gefühl

Erstmals in der Geschichte der B,esrepublik hat

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Minister den amtierenden US-Botschafter einbestellt. Geht man so mit dem wichtigsten Verbündeten um?

Die Frage beantwortet sich von selbst: mit "Nein". Außerdem ist solch rüde Geste allein Sache des Außenamtes. Aber warum sollte Scharping von einem anderen Kaliber sein als die derzeitige deutsche Politik insgesamt, die von Ersatzhandlungen und Exorzismen geradezu strotzt? Wir wollen 400 000 Rinder meucheln, obwohl wir nicht wissen, wie BSE entsteht, wie es von Tier zu Tier oder auf den Menschen übertragen wird. Scharping kennt dagegen die Datenlage zur Uranmunition (seit 30 Jahren im Einsatz), mit der sich keine Anklage formulieren lässt. Aber er beugt sich "Sensibilitäten und Emotionen", sagt er und macht so flugs den Hauptverbündeten zum Sündenbock. Tröstlich, dass der wenigstens keine "Keulung" fürchten muss.

Nach der Ermordung Präsident Kabilas driftet der Kongo noch weiter ins Chaos. Braucht Afrika eine neue Kolonialisierung?

Wenn ja, dann nicht die des 19. Jahrhunderts, die durch die Manipulation von Stammesfehden und die Willkür strategisch bedingter Grenzziehungen die heutigen Desaster gesät hat. Aber auch ein "netter" Kolonialismus würde nicht funktionieren. Die Franzosen haben 1830 Algerien mit 30 000 Mann erobert, konnten es aber 1962 auch mit 600 000 Mann nicht mehr halten. Die Eingeborenen kämpfen also nicht mehr mit Pfeil und Bogen. Allein die Machtverhältnisse machen den hehren Wunsch zum Albtraum.

George W. Bush will das Raketenabwehrprogramm NMD forcieren und droht Wladimir Putin die finanzielle Unterstützung zu entziehen. Stehen wir vor einer neuen Eiszeit in den US-russischen Beziehungen?

Richtig ist, dass Putin NMD dazu benutzt, um China und Europa gegen die USA aufzuwiegeln. Aber eine neue "Eiszeit"? Dazu braucht man zwei. Putin muss sich genau überlegen, ob er zusätzlich zur weiteren Schwächung seines Landes auch noch den Unwillen der einzigen Supermacht provozieren will. Und W. muss die Kosten von NMD genauer kalkulieren - ob er dreistellige Dollar-Milliarden in ein technisch dubioses Projekt versenken und zugleich Rivalen wie Verbündete verärgern will. Wir gehen interessanten Zeiten entgegen.

Ein Wort zum deutschen Außenminister ...

Der macht gegenwärtig aus gegebenem Anlass nur Innenpolitik, hat sich aber in der Molly-Affäre ganz gut gehalten. Genau die richtige Mischung aus Wahrhaftigkeit, Zerknirschung und Eitelkeits-Dämpfung, aber unter Vermeidung jener plakativen Bußfertigkeit, die ihm die Glaubwürdigkeit geraubt hätte. Wenn nicht plötzlich richtige Schuldbeweise auftauchen, bleibt er Außenminister und kann sich dann wieder darum kümmern, welcher Minister welchen Botschafter "einbestellen" darf.

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