Politik : Was macht die Welt?

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Am Ende der „WM der Globalisierung“ stehen doch wieder die alten Fußball-Mächte ganz oben. Eine Lehre für die Weltpolitik?

Nicht unbedingt. Es gibt Momente, da kommen die Neuen sozusagen aus der Tiefe des Raumes und vernichten die alten Platzhalter. Ein klassisches Beispiel ist die Versenkung der russischen Pazifikflotte durch die „Japse“ 1905 in Tsuschima. Es ist gut möglich, dass die Südkoreaner beim nächsten Mal gewinnen, indem sie just ihre scheinbare körperliche Unterlegenheit (im Vergleich zu den Euro-Monstern) ausspielen. Denn: Wer leicht ist, kann viel schneller beschleunigen, und wer zäh ist, bleibt am Ball. Möglich, dass die Ballacks irgendwann buchstäblich das Nachsehen haben und auch mit dem kalkulierten Foul nicht mehr weiterkommen. Ein zweiter Tipp sind die USA. Vielleicht schon 2006 wird es sich auszahlen, dass immer mehr Millionen von Schul- und Collegekids Soccer spielen. Achtung, deutsche Volksgenossen: Die USA-Mädels haben die WM der Damen schon gewonnen.

General Kujat, der Vater der Bundeswehrreform, wird nach Brüssel befördert. Eine Belohnung, weil die deutsche Armee nun fit ist für die neue Weltlage?

Eher, weil weder Kanzler noch Verteidigungsminister besonders warme Liebesgefühle für den General K. hegen, ist der ihnen doch regelmäßig mit seinen Finanzforderungen für die Bundeswehr („nur bedingt kampfbereit“) auf die Nerven gegangen. K. hatte recht. Als George W. Anfang des Jahres einen kleinen Zusatzetat für die US-Streitkräfte in Höhe von 48 Milliarden Dollar beantragte, war dies eine Summe, die doppelt so hoch ist wie der gesamte deutsche Verteidigungshaushalt. Auch unter den Mittelmächten wie Frankreich und England gibt niemand so wenig fürs Militär aus (in Prozent des Inlandsprodukts) wie Deutschland.

Im Jahre 2006 wird Russland in den Club der Reichen (G 8) aufgenommen. Wie kann es bis dahin denn wirklich reich werden?

„Club der Reichen“ ist nur Journalistenprosa. Die G 7 sind der Club der major industrial countries, der „großen Industrieländer“. Das ist Russland schon seit Stalin, obwohl es zur Zeit so arm ist wie eine (orthodoxe) Kirchenmaus und wie ein Drittweltland hauptsächlich von Rohstoffexporten lebt. Der Grund der Einladung ist ein anderer. Mit dieser Geste wollen die Westmächte dem Nachfolger der Sowjetunion den Ritterschlag verpassen, der besagt: „Vergeben und vergessen, du bist jetzt einer von uns.“ Und so lange Putin weiter auf Westkurs bleibt, ist das auch charascho so.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Joschka F., Außenminister extraordinaire, bedient wahlkampfgemäß wieder die dogmatische Klientel von Rot-Grün. Zu Pisa fiel ihm bloß ein, dass Bayern nur Spitze sei, weil es der Hort des „wilhelminischen Gymnasiums“, also der elitären Paukschule sei. Das ist ebenso falsch wie das Knüppelargument, dass „Bildung heute mehr denn je wieder die Gerechtigkeitsfrage“ sei. Gerechtigkeit hat mit Chancen, nicht mit Gleich- und Mittelmaß zu tun. Kinder, die nicht gefordert werden, werden im Leben nicht reüssieren. Ist das gerecht?

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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