Politik : Was macht die Welt?

Unglückliche Ehen, strenge Väter, biedere Camper

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Vier Fragen an Josef Joffe

Vor dem Treffen Chirac-Schröder wird ein neuer deutsch-französischer Grundlagenvertrag gefordert. Ist so ein Führungs-Duo in der künftigen EU noch zeitgemäß?

Bis vor ein paar Jahren war es tatsächlich so, dass das Duo Deutschland-Frankreich die (wiewohl ungewählte) Führungsmacht der EU war, jedenfalls in dem Sinne, dass gegen dieses Tandem nichts lief. Dass jemand diesen Laden führt, der sich zu einer Mini-OSZE (einem Club aller europäischen Staaten) mausert, wäre bei dessen neuer Größe wichtiger denn je. Bloß: Diese „Ehe“ ist nicht mehr so glücklich wie einst; die deutsch-französische „Achse“ knirscht seit Jahren. In wichtigen Fragen – Agrarpolitik, Nahost, Erweiterung, Verhältnis zu Amerika – sind häufiger Gegensätze als Gemeinsamkeiten zu vermelden. Ein neuer Grundlagenvertrag wäre demnach kein Zauberstab, der diese Probleme verschwinden lassen würde. Grundsätzlich: Die Deutschen sind nicht mehr so abhängig von den Franzosen wie 1963, als der deutsch-französische Freundschaftsvertrag geschlossen wurde. Denn: Die strategische Bedrohung aus dem Osten ist weg, die Wiedervereinigung ist da.

Rund 500 000 Jugendliche haben dem Papst in Kanada zugejubelt. Was macht den alten, kranken Mann zu einer Art Pop-Idol?

Wenn Johannes Paul ein Pop-Idol ist, was ist dann z.B. die Love Parade, die bedeutend mehr junge Leute auf die Straße bringt? Oder Britney Spears? Dennoch: Die 500 000 zeigen, dass der Papst qua Symbolfigur mehr Zugkraft hat als jene Politiker, die ihren Hip im Container oder Camper zu beweisen versuchen. Der Mann biedert sich nicht an, drängt nicht in die Talkshows, nimmt keine dubiosen Kredite auf, läuft nicht Reklame für Herrenausstatter, holt nicht die Fotografen an den Pool. Der Papst ist wie der schon sagt („papa“ ist „Vater“ auf italienisch) eine richtige Vaterfigur: streng, geradlinig, prinzipienfest. Das macht schon was her im Zeitalter des postmodernen „Anything goes“.

Was immer der Kanzler derzeit innenpolitisch anpackt – seine SPD verliert in den Umfragen. Kann ein weltpolitisches Ereignis ihm noch den Wahlsieg retten?

Nur noch eines: ein richtiger Krieg, etwa im Irak. Im Krieg schart sich das Wahlvolk stets um den jeweiligen Herrscher. Bloß werden die Amerikaner, wenn überhaupt, erst im Herbst angreifen. Aber wohl nicht früh genug, um den Ausgang der deutschen Wahlen am 22. September zu beeinflussen. Schröders Hoffnung, dass im Sommer die Konjunktur anspringt, darf nun endgültig begraben werden. Das schmerzt „Was macht die Welt?“ hauptsächlich deswegen, weil dann so manche Wettschuld beglichen werden muss.

Ein Wort zum deutschen Außenminister . . .

Schade nicht nur um den Champagner, sondern auch um Joschka, den richtigen Mann zur richtigen Zeit, der in allen wichtigen Fragen der Außenpolitik richtig reagiert hat und deshalb eine Verlängerung seines Vertrages verdient hätte. Jetzt darf man nur noch hoffen, dass nicht auf den geläuterten Pazifisten ein überhaupt nicht geläuterter Fallschirmspringer folgt.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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