Politik : Was macht die Welt?

Die Moral der Diktaturen und die Mär vom Massaker

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Vier Fragen an Josef Joffe

Welches Land der Erde geht am moralischsten mit seinen Politikern um?

Zur Zeit Irak und Nordkorea, Syrien und Saudi-Arabien, dazu von A wie Ägypten bis Z wie Zambia alle Länder, die nicht wirklich freie Institutionen und Medien haben. Merke: Je diktatorischer ein Land regiert wird, desto unantastbarer sind seine Politiker. Wurde Saddam je vom Regimesprachrohr „Al Thaura" wg. Bonusmeilen und Maßanzügen angemacht – oder sein Sohn Udai wegen Schmuggel und Korruption im großen Stil? Mithin, je totalitärer ein Land, desto „moralischer" seine Politiker und respektvoller seine Bürger. In Nordkorea würde niemand je Kim Jong Il fragen, wer seine vielen maßgeschneiderten Mao-Anzüge bezahlt hat.

In den USA nehmen die Stimmen gegen einen Irak-Krieg zu. Neuestes Argument: Er beschädige die Konjunktur. Kann Bush sich die Abrechnung mit Saddam ökonomisch leisten?

Richtige Kriege haben im 20. Jahrhundert wie ein gigantisches Konjunkturprogramm gewirkt. Die USA haben die „Große Depression", wie sie dort genannt wird, erst im Zweiten Weltkrieg überwunden. Natürlich können sie sich den Krieg gegen Saddam leisten, weshalb die Kritikern besser mit strategischen als mit pseudo-ökonomischen Argumenten hantieren sollten. Der Unsicherheitsfaktor heißt Öl. Könnte Saddam die saudischen Felder in Brand setzen? Dann könnte Öl von derzeit 25 auf 40 oder mehr Dollar emporschnellen. Nur kennen die USA das Problem und werden just diese Attacke zu verhindern wissen. Das gegenteilige Szenario: Saddam stürzt, das Embargo fällt, die Investoren kommen zurück und bald pumpt der Irak wieder 6 statt 2 Millionen Barrel auf den Weltmarkt. Dann fällt der Ölpreis auf 10 Dollar und der DAX steigt auf 8000.

Nun stellen die UN offiziell fest: Bei der Besetzung des Palästinenserlagers Dschenin gab es kein Massaker. Warum hat Israel sich so lange gegen die Untersuchung gesperrt?

Wer will es den Israelis verdenken? Sie wissen, dass bei der UN nicht objektives Recht, sondern die Mehrheit zählt, und die ist seit 30 Jahren grundsätzlich anti-israelisch. Kaum waren sie in Dschenin eingedrungen, da schrie Peter Hansen, der Chef der UN-Flüchtlingsbehörde UNRWA, vor allen CNN-Kameras: „Massaker!" Sollte er widerrufen haben, muss das im stillen Kämmerchen gewesen sein. Dennoch: Dass die UN die Massaker-Mär jetzt revidiert haben, spricht für sie (und wahrscheinlich für den Druck der USA im Dienste der Wahrheitsfindung).

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Deutschland steht wieder prächtig da in der Welt – weil friedvoll und gesittet. Einst machten die Kommunisten bei uns richtige Revolutionen (1918) oder zogen Mauern durch das Land (1961). Und kümmerten sich nicht um „bürgerliche Moral". Deren Nachfahren machen Unterschleif in kleinster Münze und treten dann auch noch zurück – siehe Großsenator Gregor Gysi. Wenn selbst Exkommunisten so sittenstreng die öffentliche Meinung achten, muss niemand mehr Angst vor Deutschland haben. Danke, Gregor G..

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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