Politik : Was macht die Welt?

Schröder surft, Mugabe macht sauber, Fischer ehrt die Heimat

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Vier Fragen an Josef Joffe

Der Kanzler des Kosovo- und Afghanistan-Kriegs will gegen Irak nicht mittun. Bekommt Deutschland eine starke Ohne- uns-Bewegung, wenn Rot-Grün die Wahl verliert und Amerika gegen Saddam zieht?

Was unser Kanzler so sagt, das bezeugen (leider) die vergangenen vier Jahre, hat so viel Bedeutung wie die Ausschläge eines Barometers: mal so, mal so. Mal gibt er sich anti-, mal pro-europäisch, mal pro-, mal anti-amerikanisch, mal kriegerisch, mal friedensbewegt. Mal ist er der Genosse der Bosse, wenn er ihnen Steuergeschenke macht, mal zwickliger als der Zwickel, wenn er den Gewerkschaften neue Machtprivilegien verschafft. Mithin: Am allzeit agilen Schröder grundsätzliche Veränderungen in Partei und Volk abzulesen, wäre so sinnvoll, wie mit dem Fensterthermometer den Klimawandel beweisen zu wollen. Merke: Der Populismus, also der Versuch, auf angeblichen Volksstimmungen zu surfen, ist nicht nur ein rechtes Phänomen.

Simbabwes Diktator Mugabe will weiße Farmer enteignen und vertreiben. Wie gefährlich ist der schwarze Rassismus?

Etwas anders gefragt: Wie gefährlich ist die Tendenz im Westen, schwarzen oder Drittwelt-Rassismus zu ignorieren oder gar zu akzeptieren? Wir regen uns zu Recht über Anti-Islamismus in Europa auf, aber wie heftig prangern wir Antisemitismus oder „Anti-Christismus" in der islamischen Welt (Saudiarabien, Sudan, Pakistan) an? Wir ziehen gegen „ethnische Säuberung" à la Milosevic in den Krieg, lassen aber derlei Säuberung à la Mugabe gewähren. Hat das mit den garantierten Drittwelt-Mehrheiten in den UN zu tun oder mit den Schuldgefühlen der ehemaligen westlichen Kolonialmächte? So oder so: doppelte Moral ist keine Moral.

Amerika empfängt eine Palästinenser-Delegation ohne Arafat, Israel verhandelt über Rückzug, auch ohne Arafat. Emanzipiert sich eine neue palästinensische Führungsgruppe gegen den gewählten Präsidenten?

In Wahrheit können wir das nicht wissen, weil Arafat wie ein klassischer orientalischer Despot herrscht und die palästinensische nur in Ansätzen eine freie Gesellschaft ist. Richtig ist, dass inzwischen so manche Intellektuellen ihre Stimmen erheben, dass Leute wie Rajoub und Dachlan, von Arafat gefeuerte Sicherheitschefs, in Position gehen für die Zeit nach Arafat. Die Palästinenser befinden sich in einem Teufelskreis: ohne Demokratie kein Frieden, ohne Frieden keine Demokratie. Und die Terrorgruppen wie Hamas wollen weder das eine noch das andere.

Ein Wort zum deutschen Außenminister . . .

Joschka Fischer wird sich fragen, wie weit er seinem Kanzler auf dessen „eigenem deutschen Weg" folgen kann. Spätestens seit Fischer vor einem Vierteljahrhundert den sehr deutschen Weg seiner damaligen nationalneutralistischen und -pazifistischen Kampfgenossen zu verlassen begann, ist ihm jeglicher deutscher Sonderweg ein Gräuel und die Heimat im Westen das oberste Gebot. Anderseits kann er sich damit trösten, dass Schröder (siehe Frage 1) nie auf einem einzigen Weg fürbass voranschreitet, sondern jeden möglichen ausprobiert mehrmals.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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