Politik : Was macht die Welt?

Harte Tritte, banales Normales, elegante Schlappen

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Vier Fragen an Josef Joffe

„Hände weg von Irak", wendet sich der Kanzler gegen die USA. Wo bleibt die traditionell proamerikanische bürgerliche Opposition?

Im deutschen Wahlkampf müssen unsere ältesten Verbündeten schon für die kleinsten Dinge dankbar sein. Derweil der Kanzler durch seinen Parteisekretär Müntefering sagen lässt, Berlin würde gegen den Irak nicht einmal unter einem UN-Mandat mitmachen, lässt sich Stoiber wenigstens noch ein Hintertürchen offen: Ohne UN-Beschluss geht nix. Staatsmann Schröder kann also noch etwas von dem Bayern lernen. Der verschiebt die heikle Entscheidung, indem er sie erst einmal in den Schoß des UN-Sicherheitsrates kippt, wo ein Mandat für die USA zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht hochwahrscheinlich ist. So sagt man indirekt „nein", ohne dem wichtigsten Partner öffentlich in die Weichteile zu treten.

Auf Afghanistans Premier Karsai wird geschossen, in Kabul explodieren Bomben. Müsste nicht erstmal Afghanistan befriedet werden, ehe die USA sich neuen Schauplätzen zuwenden?

Was soll denn Bush noch alles schaffen? Die Palästinenser demokratisieren, die Pakistanis vom Atomkrieg abhalten, die Umwelt per Kyoto retten, die mexikanische Wiedereroberung von Texas und Kalifornien durch stete Einwanderung abwehren? Die Deutschen haben an die 1000 Mann in Afghanistan und wollen auf keinen Fall nach Bagdad. Da sie schon mal da sind und in den 1920er Jahren eine effektive Polizei in Afghanistan aufbauten, sollten sie jetzt wenigstens für Sicherheit in Kabul sorgen.

Am Dienstag tritt die Schweiz den Vereinten Nationen bei. Ist das nicht schade?

Eigentlich schon. Bislang war die Schweiz immer etwas Besonderes. Von diesem Land kannte man nicht einmal den n des Präsidenten, geschweige denn des Außenministers (beide gibt es). Von dort kommen die feinsten Schokoladen und Joghurts; schrecklich, wenn dereinst die EU (das ist der nächste Schritt) deren Zuckergehalt auch noch normiert. Oder gar das Bankenwesen. Eine Insel der totalen Neutralität und Abgeschiedenheit ist unverzichtbar auf dieser Welt; man denke nur an die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, wo sich die Geheimdienste aller Krieg führenden Parteien ungestört tummeln und treffen konnten. Mit dem UN-Beitritt macht die Schweiz den ersten Schritt in die Normalität, ergo Banalität. Vorauszusehen war das bereits, als Bern den unsäglich hippen und wehrhaften Botschafter in Berlin, Thomas Borer, feuerte.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

Dazu kann „Was macht die Welt?" derzeit nichts sagen, weil es sich in Seoul befindet. Hier wurde es überwältigt von dem historischen Fußballspiel des Südens gegen den Norden – nicht so sehr von dem Spiel selbst (das war so la-la), sondern von der diplomatischen Finesse des südkoreanischen Teams. Zwei-, dreimal haben die Südkoreaner dezent daneben geschossen, aber so elegant, dass es die Brüder aus dem Norden kaum merkten, also nicht ihr Gesicht verloren. Holen wir das Team nach Deutschland, damit sie dem Kanzler ein paar Tipps im ebenso eleganten Umgang (siehe Frage 1) mit den amerikanischen Freunden geben.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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