Politik : Was macht die Welt?

Saddam als Kästner-Lehrling und der deutsche Ohnemich

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Vier Fragen an Josef Joffe

Im Lauf der Jahre wurde Saddam Hussein auf Fotos immer jünger. Geht er zum Plastikchirurgen oder gibt es ihn gar nicht mehr?

Der Despot von Bagdad muss Erich Kästners „Schule der Diktatoren“ gelesen haben, in welcher Diktatoren-Doubles ausgebildet wurden, um den jeweils ermordeten Vorgänger zu ersetzen. Der deutsche Forensik-Experte Dieter Buhmann meint, anhand der Bilder drei Saddam-Verschnitte ausgemacht zu haben – Männer, die sich anstelle des Gewaltherrschers als Kugelfang in die Öffentlichkeit begeben. Mithin: Am Ende eines siegreichen Irak-Krieges werden die US-Kommandotruppen eine ganze Schule von Saddamisten umgebracht oder arrestiert haben. Und nur Saddams Zahnarzt wird wissen, wer der Richtige war/ist.

Tony Blair muss seinen Kurs auf dem Labour-Parteitag verteidigen: Wie kann er die kriegsunwillige Basis überzeugen?

Kabinettsmitglied Clare Short, also eine kriegsunwillige Spitze der Labour-Partei, macht gegen ihren Tony Stimmung, indem sie doziert: „Wir können die Menschen im Irak nicht für die Toten des World Trade Center büßen lassen.“ Wenn die Opposition nur mit solchen Argumenten hantiert, dürfte Blairs Überzeugungsarbeit so schwer nicht sein. Denn die Befreiung der Iraker vom schlimmsten Tyrannen der Jetzt- Zeit wäre keine „Strafe“, sondern ein echter Gewinn für das Volk. Leider muss man jetzt schon wieder „Adolf Nazi“ bemühen: War dessen Abgang nicht auch ein Gewinn für das deutsche Volk?

Wohin gehört die EU-Zuständigkeit in der neuen Bundesregierung: ins Auswärtige oder ins Kanzleramt?

Das ist ein Streit um des Kaisers Bart, und er wird nach den neuen Machtverhältnissen entschieden werden. Also: Joschka, der eigentliche Sieger der Bundestagswahlen, wird die Zuständigkeit behalten. Die Verlagerung in die „Waschmaschine“ wäre übrigens die falsche Symbolik, weil Europa dergestalt zur Kanzlerpolitik gemacht würde. Wenn man aber bedenkt, wie oft und kräftig Schröder nationale Politik gegen Brüssel gemacht hat (z.B. in den Kampagnen gegen den „Blauen Brief“ oder die Automarkt-Verordnungen der EU-Kommission), wäre es klüger, die Zuständigkeit bei den sanfter agierenden AA-Diplomaten zu belassen.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Der reist demnächst nach Washington, um Condi Rice (Sicherheitsberaterin) und Colin Powell (Außenpolitik) zu charmieren. Das wird ihm auch (teilweise) gelingen, weil Weißes Haus und State Department neuerdings wieder freundlichere Töne anschlagen. Wie aber wird Fischer mit dem Grundproblem fertig: dass zum ersten Mal in der Geschichte dieser Republik von regierungsamtlicher Seite das „Deutsche Syndrom“ wahltaktisch instrumentalisiert worden ist? Dies ist eine Mischung aus Pazifismus, Ohnemichismus und (wiewohl sorgfältig kodiertem) Anti-Amerikanismus. Sich mit den Amis anzulegen, hat den Deutschen seit Wilhelm II. nie genützt. Wie könnte es auch, wenn man nur Mittelmacht ist und im selben Gehege mit einer Supermacht laufen muss?

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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