Politik : Was macht die Welt?

Atom-Schurken, zündelnde Deichgrafen und Fischers Gewicht

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Vier Fragen an Josef Joffe

Von Bushs „Schurkenstaaten" hat Nordkorea die Bombe bereits, Irak noch nicht. Bereitet Bush den falschen Krieg vor?

Fänden Sie einen Krieg gegen Nordkorea besser? Dass Pjöngjang die Bombe hat, ist mehr als ungewiss. Nordkorea hat bloß zugegeben, dass es gegen alle Gelübde an seinem Waffenprogramm weitergebaut hat. Und Washington ist sehr vorsichtig: „Wir sind uns nicht sicher", sagt ein anonymer Offizieller, „ob das angereicherte Uran schon in Waffenform gegossen worden ist." Auf jeden Fall ist Nordkorea ein anderer Fall. Nordkorea hat bislang nur einen Krieg angezettelt; das ist lange her, 1950 gegen Südkorea. Der Irak dagegen hat schon zwei Angriffskriege auf dem Kerbholz: 1980 gegen Iran, 1990 gegen Kuwait. Außerdem hat Pjöngjang noch keine Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt oder gegen alle möglichen UNResolutionen verstoßen. Schließlich: Gerade diese Enthüllung verdoppelt den Imperativ, dem Irak die Waffenfähigkeit zu nehmen bevor Saddam die Bombe hat. Denn danach wird es niemand mehr wagen, die Inspektoren wieder ins Land zu zwingen.

Joschka Fischer baut seine Europa-Kompetenz aus und wird sogar Mitglied des Verfassungskonvents. Was will er da?

Vielleicht ein wenig Auszeit von den innerdeutschen Querelen, die das Land in Atem halten werden, nachdem das Ausgaben- und Steuerprogramm von Rotgrün bekannt geworden ist. Jede Gruppierung, die etwas auf sich hält, wird jetzt mit aller Macht versuchen, ihre Interessen zu verteidigen. Die Opposition wird nicht nachlassen, die Regierung wegen einer Wirtschaftspolitik vor sich her zu treiben, die weder Wachstum noch Jobs schaffen kann. Dagegen ist der Verfassungskonvent eine Erholung.

EU-Kommissionspräsident Romano Prodi findet den Stabilitätspakt „dumm". Sprengt da der Deichgraf den Deich?

Der Deichgraf legt zumindest die Lunte, auch wenn er in den nächsten Tagen immer wieder versuchen wird, sie auszutreten. Vielleicht hat Prodi aber nur im vorauseilenden Gehorsam artikuliert, was die wichtigsten Länder – Frankreich und Deutschland – ohnehin tun werden: das Korsett der Disziplin kräftig lockern. Dieses Spiel wird aber böse enden. Wenn ungezügelte Defizite die Inflationsflut steigen lassen, wird die Europäische Zentralbank heftig Sand schaufeln und die Zinsen anheben müssen – auch um den Außenverfall des Euro zu stoppen. Das ist nicht gut für die sieche Eurowirtschaft. Und nicht gut für Europa, dessen gemeinschaftliche Politik an allen Ecken von jenen angekokelt wird, die immer so großmundig Europa beschwören.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Fischer hat nun endlich einen Termin bei seinem amerikanischen Amtsbruder Powell: am 30. Oktober. „They have much to discuss", lautet der lapidare Kommentar des State Department-Sprechers Boucher. In der Tat. Die gute Nachricht aber ist, dass Fischers persönliches Gewicht (kilomäßig) steigt, derweil das Gewicht seines Landes (weltpolitisch) abnimmt. Vielleicht balanciert das eine das andere aus.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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