Politik : Was macht die Welt?

Alltagsgefahren, Fischers Gastgeschenk und Moskaus Veto

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Vier Fragen an Josef Joffe

Erst der Anschlag auf Bali, jetzt die Geiselnahme in Moskau. Kann man sich noch irgendwo auf der Welt sicher fühlen?

Das hängt davon ab, was man mit „irgendwo" meint. Deutsche Straßen und Autobahnen? Dort sterben jedes Jahr mehr Menschen als in Terroranschlägen. Die Deutsche Bahn, siehe Eschede, ist auch nicht ganz sicher. Man sollte auch Flugzeuge meiden, die den Bodensee überfliegen (siehe die Kollision letzten Sommer). Keinen Fuß mehr außer Haus setzen? Die Wahrscheinlichkeit, bei Haushaltsunfällen verletzt oder getötet zu werden, ist immer noch tausendfach größer, als Opfer des Terrors zu werden. Von Rauchen und Vielfraß gar nicht zu reden. Trotzdem denken die Menschen nicht so: Manche werden künftig zweimal überlegen, bevor sie sich in große Ansammlungen begeben.

Fischer fliegt kommende Woche in die USA. Was wird er den Amerikanern als Gastgeschenk mitbringen, um sie zu besänftigen?

Eines kennen wir schon: Schröders Ankündigung, den Türken endlich ein Datum zu nennen, ab dem ernsthaft über ein Datum des EUTürkeibeitritts geredet wird. Denn: Das Land an Europa heranzuholen, ist ein altes Anliegen der USA. Das zweite Geschenk ist die Bekräftigung jenes informellen Deals, den Schröder im Sommer mit seinem kalkulierten Pazifismus-Ausbruch gebrochen hatte: Deutschland wird Amerika im Falle eines Irak-Krieges keine Knüppel zwischen die Beine werfen, weder verbale noch militärische. Das heißt: Die deutschen „Füchse" bleiben in Kuwait, der deutsche Luftraum und die US-Basen hier dürfen im Kriegsfall genutzt werden.

Bush hat im Sicherheitsrat eingelenkt. In der ersten Resolution sollen dem Irak nun keine konkreten Konsequenzen mehr angedroht werden. Ist ein Krieg nun weniger wahrscheinlich?

Das hängt mehr von den Ereignissen als von den UN ab. Der Terrorangriff von Moskau, der auch islamistisch-arabische Motive aufweist, wird Putin enger an die Seite der USA rücken. Dito der Besitz von Atomwaffen, den Nordkorea eingestanden hat, nachdem es diesen hoch und heilig abgeschworen hatte. Daraus folgt, dass sich Bagdad nicht mehr auf ein russisches Veto verlassen sollte. Bali und Moskau bestätigen Amerikas Sicht, dass die Staatenwelt sich in einem globalen Krieg gegen die Privatiers der Gewalt befinde. Der sei schon schlimm genug, wo nur mit Plastiksprengstoff und Teppichmessern hantiert wird. Umso mehr müsse verhindert werden, dass Massenvernichtungswaffen, wie sie Bagdad und Pjöngjang bauen, in die Hände der Terroristen gelangen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

Die hat, jenseits der Verkühlung des Verhältnisses zu Amerika, ein „philosophisches" Problem. Schröder hat einen „deutschen Weg" vorgegeben, auf dem ihm das Wahlvolk gefolgt ist und der besagt: „Wir verteidigen den deutschen Tellerrand, und sonst nichts, und lassen uns auch von niemandem dreinreden." Das reduziert ganz klar die deutschen Risiken – aber auch das deutsche Gewicht in Europa und in der Welt. Mal sehen, wie lange diese große Schweiz fürbass auf diesem Weg dahinschreiten kann.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: clw

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