Politik : Was macht die Welt?

Demokratischer Islam, kritische Gewinne , gequälte Falten

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Vier Fragen an Josef Joffe

Die islamische Gerechtigkeitspartei ist der Wahlsieger in der Türkei. Ist das gut oder schlecht für Europa?

Von dieser Partei heißt es, sie sei prowestlich. Das ist eine interessante Perspektive, welche die Türkei abermals zum hoffnungsträchtigen Testfall macht. Die Türkei ist das einzige islamische Land zwischen Balkan und Hindukusch, das sich schon ab 1924 dem Westen zuwandte und heute demokratisch zu nennen ist – jedenfalls im Vergleich zu Syrien oder Ägypten. Stellen wir uns also eine islamische Regierungspartei vor, die auch demokratisch und westlich ist. Sie könnte Vorbild und Magnet für jenen Teil des Islams sein, der sich nach vorn zu entwickeln wünscht – weitab von Bin Laden, Hamas oder Wahhabismus.

Obwohl keine Al-Qaida-Verbindung belegt und der Tschetschenien-Krieg älter ist, stellt Putin die Geiselnahme in Moskau in eine Linie mit New York, Djerba und Bali. Zu Recht?

Terror ist Terror, ganz gleich wo, und welche „Wurzeln“ ihm zugeschrieben werden. Welches Recht haben Terroristen, Unschuldige umzubringen – sei’s in Moskau oder auf Bali? Welches Recht haben sie, damit die wütenden Gegenschläge zu provozieren, die ihre eigenen unschuldigen Volksangehörigen treffen? Die Verbindung ist immer die gleiche: Da nehmen sich Verbrecher das Recht, Massenmord an Unschuldigen zu begehen – im Namen ihres eigenen Unglücks, das angeblich jede Gemeinheit rechtfertigt. Was die Terroristen tun, nennt man „Kriegsverbrechen“ oder „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, wenn ein Staat dahinter steht.

Colin Powell hat Joschka Fischer empfangen, nun sind Wahlen zum US-Kongress. Welches Ereignis hat stärkeren Einfluss auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen?

Welche Frage! In Iowa, Texas und Maine stimmen die Leute für bessere deutsch-amerikanische Beziehungen? So läuft das nicht einmal mehr in Pirmasens. In den midterm elections (der Kongresswahl zwischen zwei Präsidentenwahlen) geht es zu 99,5 Prozent um Innenpolitisches. Diesmal aber könnte die Außenpolitik insofern mitspielen, als ein gewichtiger Gewinn für die Demokraten auch als Kritik an Bushs Irak-Plänen interpretiert werden könnte. Jenseits des Irak herrscht eher die Indifferenz gegenüber Europa – sogar in der Weltmetropole New York. Wenn ein New Yorker „Fischer“ hört, denkt er an die Avery Fisher Hall im Kulturkomplex Lincoln Center.

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

„Was macht die Welt?“ war zufällig in New York, als Bundesjoschka bei einer Tagung über „Globalen Antisemitismus“ eine Rede hielt. Fischer machte einen guten Eindruck vor einem Publikum, das erleichtert dessen Bekenntnisse zu Israel und Amerika aufnahm. Doch blieb nach dem stehenden Applaus noch manche Frage: Warum hatten die Deutschen zum Problem irakischer Massenvernichtungswaffen nur das stereotype „Nein“ zu einem Irak-Krieg parat? Wie sonst als mit militärischem Druck könne man denn Saddam zwingen, ein „robustes“ Inspektionsregime zu akzeptieren? Fischer legte das Gesicht in gequälte Falten und wich der Frage aus.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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