Politik : Was macht die Welt?

Wer im März kämpft und wie Doris in Prag den Kanzler rettet

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Vier Fragen an Josef Joffe

Die Nato wird größer. Wird sie auch stärker?

Wohl kaum. Napoleon pflegte zu sagen: „Lieber Gott, bitte lass mich gegen Koalitionen kämpfen.“ Will sagen: Je größer ein Bündnis, desto weniger Schlagkraft hat es, weil zu viele verschiedene Interessen auf einen Nenner gebracht werden müssen - den kleinsten. Außerdem: Wie viel Kampfkraft bringen Ministaaten wie Estland, Lettland oder Litauen ein? Wie schirrt man die Interessen von Bulgarien und Spanien zusammen? Doch ist dies auch gar nicht der Sinn des Projekts. Es geht darum, jene Sicherheitsgemeinschaft auszuweiten, die Europa weitgehend davor bewahrt hat, eine rein nationale Sicherheitspolitik zu betreiben. Als das noch der Fall war und die Staaten sich selbst um ihre Sicherheit kümmern mussten (vom Zerfall des römischen Imperiums bis ca. 1949), lebte Europa in einem Zustand, der bekanntlich nicht gut für diesen Kontinent war.

Saddam gewinnt durch sein Einlenken viel Zeit – womöglich bis im Februar die Waffenkontrolleure berichten. Muss Bush den dann vielleicht nötigen Abrüstungskrieg auf den Herbst verschieben?

Nicht unbedingt. London und Washington haben es sich vorbehalten, auf Provokationen (der Katz-und-Maus- oder Verschleppungs-Sorte) rasch zu reagieren. Außerdem: Das Wetter bleibt bis Ende März gut (also: kühl) genug, um einen schnellen Krieg auszufechten. Ebenso richtig aber ist: Wenn es Saddam gelingt, seine kommende Obstruktionspolitik unterhalb der Reizschwelle durchzuziehen, wird das Kriegsszenario zur Makulatur. Die USA können ihre Truppen nicht bis zum Herbst auf Station und in höchster Bereitschaft halten. Dann bliebe der Diktator abermals im Ring: angeschlagen, aber stehend.

Chirac gründet seine eigene Partei. Hat er nicht längst alle Macht?

Es gibt Männer, die haben schon eine Frau, und trotzdem gelüstet es sie nach mehr (oder umgekehrt). Grundsätzlicher: Ein Großpolitiker ohne eigene Partei ist wie ein General ohne stehendes Heer. Er braucht eine Organisation, die in der politischen Schlacht jederzeit mobilisierbar ist. Um seine Macht zu bewahren, muss er Getreue um sich scharen – Leute, die er durch Pfründe und Ämter an sich bindet. Das kann ein Parteichef besser als ein Präsident, der bloß vom (bekanntlich wankelmütigen) Wahlvolk gestützt wird. Kann man sich 16 Jahre Kohl ohne dessen perfekte Herrschaft über den Parteiapparat der CDU vorstellen?

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

„Was macht die Welt?“ blickt gespannt auf den Nato-Gipfel in Prag. Bundesgerd bekommt zwar keinen Termin mit George W., kann es aber nicht vermeiden, andauernd auf ihn sowie seine Sicherheitsberaterin Condi Rice zu treffen. Das ist die Gelegenheit! Wer wird zuerst den Colt der Friedensbereitschaft zücken? Wer geht wie viele Schritte auf den anderen zu? Wer kapituliert, indem er als erster ein fletschendes Grinsen aufsetzt? „Was macht die Welt?“ rät: Zuerst die Generalprobe der nicht ganz so aufgerauten Damen: Condi contra Doris. Dann Schröder selbst: „Mr. President, darf ich Ihnen das „you“ anbieten?“

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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