Politik : Was macht die Welt?

Saddams Exil, Bushs Geduld, Fischers Kaninchen

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Vier Fragen an Josef Joffe

Nordkorea verlässt den Atomwaffensperrvertrag. Lässt sich die Verbreitung solcher Waffen noch mit diplomatischen Mitteln verhindern oder nur mit Gewalt oder gar nicht?

Fünfzig Jahre lang ging es gut, hat die Bombe sich nur gemächlich verbreitet: erst die vier Siegermächte, dann China, Indien und Pakistan (plus, inoffiziell, Israel). Es gab sogar „EntProliferation": Brasilien, Argentinien, Südafrika, Schweden sind auf dem Weg zur Bombe wieder umgekehrt. Immerhin gilt auch heute, dass massiver diplomatischer und (latenter) militärischer Druck dem Irak die Nuklearoption geraubt haben; solange dieser anhält, wird Saddam die Bombe nicht bekommen. Nordkorea? Hier nimmt der Grenznutzen der Diplomatie rapide ab. 1994 hat zwar Pjöngjang im Austausch für allerlei Wohltaten aus den USA den Verzicht gelobt, heimlich aber an der Bombe weitergebaut. Und jetzt ganz offiziell. Fazit: Entweder die USA zerschlagen nach einem Irak-Krieg die Anlagen, oder die Welt wird mit nordkoreanischen Atomwaffen leben müssen.

Chefinspektor Blix will am 27. Januar kein endgültiges Urteil über Iraks Rüstung abgeben, auch Tony Blair unterstützt die Forderung nach Verlängerung der Kontrollen. Hat die Entscheidung über Krieg oder Frieden Zeit?

Ja, wenn es den Russen und Arabern gelingt, Saddam ins Exil zu bugsieren, was sie jetzt hinter den Kulissen heftigst versuchen. Nein, wenn Saddam weiter mit dem Säbel rasselt und nicht die Informationen herausrückt, die selbst der besonnene Blix anmahnt. Denn die amerikanischen und britischen Truppen, die derzeit in der Region konzentriert werden, können nicht ewig bleiben. Das weiß Saddam, und deshalb spielt er auf Zeit. Das wissen auch Bush und Blair. Sie werden Ende Januar entweder in den Krieg oder im Laufe des Sommers wieder abziehen.

Nach Kosovo schwor Rot-Grün: Nie wieder Krieg ohne volles UN-Mandat! Im Irak hält Berlin die Autorisierungsresolution für unnötig. Schwenken Schröder und Fischer auf Bushs Kurs ein?

Das Dumme ist, dass Rot-Grün gesagt hat: „Auch nicht mit vollem UN-Mandat!" Aus dieser Klemme versuchen sich Schröder und Fischer zu befreien, indem der letztere so tut, als sei eine Kriegsresolution nicht nötig. Das hätte den Vorteil, dass Deutschland, seit Januar Mitglied im UN-Sicherheitsrat, nicht gegen eine Kriegsresolution stimmen müsste, die es gemäß seiner Lutherschen Rhetorik („Hier stehe ich und kann nicht anders") verwerfen müsste. Also: nach einem törichten Aufschlag vielleicht ein halbwegs honoriger Abgang.

Ein Wort zum deutschen Außenminister . . .

Erfunden hat das Kaninchen namens „Keine zweite Resolution" unser Joschka, was für deutsche Verhältnisse ein recht subtiler Schachzug war. So bliebe Deutschland seinen pazifistischen Schwüren treu, ohne dem US-Verbündeten wirklich in die Weichteile zu treten. Dass Fischer dieses Desaster vermeiden will, sei ihm hoch anzurechnen. Um aber seiner Basis zu erklären, wieso er dergestalt Bush vom UN-Haken lässt, wird er noch viele neue Kaninchen aus seinem Hut ziehen müssen. Viel Glück.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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