Politik : Was macht die Welt?

Über verbeamtete Wahrheit und wackelnde Kandidaten

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Vier Fragen an Josef Joffe

Auch Blix´ jüngster Bericht bietet Kriegsgegnern wie befürwortern Argumente. Wird er jemals ein eindeutiges Urteil fällen?

Natürlich nicht. Denn ein eindeutiges Verdikt wäre das Ja oder Nein zum Krieg, und derlei Urteil wird sich ein Beamter nie anmaßen. Blix hat also wieder beiden Seiten gute Argumente geliefert – und das Offenkundige gesagt: dass Bagdad nicht offen legt, welche Waffen es noch hat oder vernichtet hat. Das erlaubt den einen, für mehr Zeit zu plädieren, den anderen, sofort aktive Kooperation oder die gewaltsame Entwaffnung des Irak zu fordern. Generell: Was der UN-Sicherheitsrat beschließt, darf nicht mit der reinen Wahrheit oder mit unvoreingenommener Rechtsprechung verwechselt werden. In diesem Gremium artikulieren Nationen ihre Interessen, wiewohl eingekleidet in ebenso hehre wie allgemein gültige Prinzipien. Die große Politik wird nicht von Beamten oder Juristen gemacht.

Wer hat mehr Einfluss auf die Wackelkandidaten im Sicherheitsrat aus Lateinamerika und Afrika: Chirac oder Bush?

Das hängt davon ab, wie diese Staaten ihre künftigen Interessen definieren. Wollen sie lieber Amerika oder Frankreich verärgern? Angesichts der Machtverhältnisse würde „Was macht die Welt?“ grundsätzlich gegen Jacques Chirac wetten. Chile und Mexiko werden nicht gegen die USA stimmen. Guinea und Kamerun, einst französische Besitztümer? Mindestens ein Land wird sich pro Paris entscheiden. Angola? Mit Amerika. Interessant ist das Asien-Land Syrien. Nach der Blix-Sitzung am Freitag, wo sich dessen Repräsentant hauptsächlich über Israel ausgelassen hat, darf man auf jeden Fall annehmen, dass Damaskus diesmal gegen die USA und damit für den alten Rivalen Irak stimmen wird. Keine gute Nachbarschaft für Berlin.

In der Irak-Frage ist Europas gemeinsame Außenpolitik gescheitert. Welches Gewicht hat es noch in der neuen Weltordnung?

Als Ganzes zur Zeit nur ein minimales, ist doch Europa zutiefst gespalten. Auf der einen Seite stehen die anti-amerikanischen Regierungen: Frankreich, Deutschland, Belgien, Österreich; auf der anderen 18 pro-amerikanische Staaten. Dazwischen noch eine erkleckliche Zahl derer, die auf dem Zaun sitzen und abwarten, wie sich der Wind dreht. Diesen Haufen auf eine gemeinsame Politik einzuschwören, wird in dieser Generation nicht mehr gelingen: Zurück in die Zukunft des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein kleiner europäischer Kern um Deutschland-Frankreich wird sich sein Gewicht anderswo ausleihen müssen – in Russland oder China.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Joschka F. hat eine gute Figur bei der letzten Sitzung des UN-Sicherheitsrates gemacht: gelassen, souverän und mit fast perfektem amerikanisch-akzentuierten Englisch. „Was macht die Welt“ wäre in New York auch gelassener. Dort müsste es nicht andauernd mit Schröder ringen oder die eigene Partei zügeln. Zur Erholung und Erbauung gönnen wir dem Außenminister den regelmäßigen Ausflug nach New York; dort ist die Atmosphäre nicht so fiebrig wie in Berlin. Außerdem lockt beim Einkaufen der billige Dollar.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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