Politik : Was macht die Welt?

Im Bann der Irak-Krise: Telefone, Volten, Eitelkeiten

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Vier Fragen an Josef Joffe

Nach der letzten Sicherheitsratssitzung scheint USPräsident Bush ziemlich allein da zu stehen. Hat er in Sachen Irak nicht genug Überzeugungsarbeit geleistet?

Bestimmt nicht. Vergleichen wir Bush Papa und seinen Außenminister Baker vor dem ersten Golfkrieg (1991) mit Bush junior und Pentagonchef Rumsfeld heute. Bush und Baker haben damals sehr geschickt eine fast weltweite Koalition gegen Saddam zusammengeschirrt. Baker flog mehr Bonus-Meilen ein als Genscher in seiner ganzen Amtszeit. Wo aber sind die amerikanischen Granden heute? Allenfalls greifen sie zum Telefon, oder sie verfahren wie Rumsfeld nach der Devise: „Ich verzichte lieber auf einen guten Freund als auf einen guten Spruch.“ Das erhöht den Unterhaltungswert, aber nicht die Zahl der Willigen.

Angela Merkel hat ihren USA-Besuch mit einem kanzlerkritischen Artikel in der „Washington Post“ vorbereitet. Macht das in Amerika Eindruck?

Natürlich. Oder genauer: Die Amerikaner, die zutiefst verbittert sind über die abtrünnigen Freunde – „haben wir den Deutschen nicht die Freiheit bewahrt und die Vereinigung verschafft?“ – freuen sich über jede Streicheleinheit. In diesem Sinne ist Angela-in-Amerika zwar ein Verlust für den Kanzler, aber ein Nettogewinn für das Land, zumal nach den gewaltigen anti-amerikanischen Friedensdemos in Berlin und anderswo. Frau Merkel spendet den USA ein wenig Trost. Das hilft, wenn dereinst die Fieberkurve wieder sinkt. Eine andere Frage ist es, ob die Vorsitzende auch die Parteifreunde beeindruckt. Bekanntlich hat Stoiber den Kanzler in der Irakfrage auch mal links zu überholen versucht.

Jacques Chirac genießt wegen seiner Antikriegspolitik beste Umfragewerte in Frankreich. Hat er sich nicht, wie Schröder, zu eindeutig festgelegt, um einer zweiten UN-Resolution noch zustimmen zu können?

Ein Land, in dem ein Meister der Flexibilität wie Talleyrand erst der Revolution, dann Napoleon und dann der Restauration dienen konnte, wird immer Wege finden, die eisernen Prinzipien von gestern nutzbringend umzuschmieden. Chiracs Vorgänger, der Sozialist Mitterrand, fand auch nichts dabei, in der Nachrüstungsfrage gegen die SPD und für Kohl zu agieren, weil das nationale Interesse kein abschwimmendes Deutschland vertrug. Flexibilitätspolitisch können die Schröderisten von den französischen Freunden einiges lernen.

Ein Wort zu deutschen Außenpolitik…

Merkwürdig: Als Schröder seinen Kurs gegen die USA immer mehr verschärfte, pochte Fischer auf Einsicht: Man dürfe sich die Hände nicht binden und die transatlantischen Freunde nicht total verärgern. Neuerdings, da Schröder seine beinharte Haltung ein wenig aufweicht, wirft sich Fischer als Lordsiegelbewahrer des „deutschen Weges" in die Brust. Frage: Was läuft hier ab? Ein Drama der Eitelkeiten, in dem die beiden Alphatiere nicht um Prinzipien, sondern um Position ringen? Oder kehrt bloß der alte Chaos-Club auf die Bühne zurück, der das deutsche Wahlvolk nach dem 22. September in die Verzweiflung und die Umfragewerte der SPD in den Keller trieb? Wir berichten weiter…

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: clw .

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