Politik : Was macht die Welt?

Häuserkampf in Bagdad und doppeltes Spiel im Nordirak

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Vier Fragen an Josef Joffe

Saddam Hussein hat viele Truppen um Bagdad zusammengezogen. Was bezweckt er damit: ein möglichst blutiges Ende im Häuserkampf oder Verhandlungen?

Saddams Biographie lässt nicht auf Verhandlungen hoffen. Wahrhaftig verhandelt hat er nur einmal: am Ende eines achtjährigen Angriffskrieges gegen Iran (19801988), der schon nach ein paar Tagen stecken blieb und einer Million Soldaten das Leben kostete. Beide Seiten waren erschöpft, deshalb haben sie gegenseitig den Status quo ante akzeptiert. Überdies werden ihm die USA wohl keine Verhandlungen anbieten, die Devise ist „tot oder lebendig", es sei denn, Saddam flieht ins Exil. „Was macht die Welt?" tippt auf einen Versuch, ein letztes Gefecht zu inszenieren. Freilich werden ihm die Anglo-Amerikaner nicht den Gefallen tun, sich auf einen Häuserkampf à la Berlin 1945 einzulassen. Sie werden einen Bezirk nach dem anderen abschnüren, die irakischen Truppenteile voneinander isolieren und Saddams vermutete Aufenthaltsorte mit Präzisionswaffen belegen.

Wer bestimmt die Zukunft des Nordirak: die Türken, die Amerikaner oder die Kurden?

Ein undurchsichtiges Spiel. Alle Parteien haben den USA geschworen, keine weitergehenden Ziele zu verfolgen – also kein unabhängiges Kurdistan oder eine türkische Provinz im Irak. Anderseits könnten die Türken ein Doppelspiel betreiben: Sie verbieten, wie bisher, den Amerikanern den Durchmarsch von der Türkei aus, um sich dergestalt umso ungestörter die Kurdengebiete einverleiben zu können. Wenn nicht direkt, dann zumindest als Einfluss-Sphäre, was erklären könnte, weshalb die Türken den Amerikanern so hartnäckig eine zweite Front im Norden verweigert haben.

Nach mehr als acht Jahren Krieg soll ein Verfassungsreferendum Tschetschenien Frieden bringen. Ist das die politische Lösung, die der Westen schon lange von Putin fordert?

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Putin den Tschetschenen eine akzeptable Autonomie gewährt, so lange der Rest der Welt durch den Krieg und die weiteren Turbulenzen im Irak abgelenkt wird. Putin wird wohl mit einer gewissen Befriedigung auf dieses Drama blicken. Alle Welt demonstriert gegen die Amis, kein Mensch (und keine Kamera) kümmert sich um die brutale Unterdrückung der Tschetschenen. Eine merkwürdige Welt: Warum kriegen die Russen einen moralischen Bonus, die Amerikaner einen moralischen Malus?

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

Der deutsche Außenminister heißt zurzeit Gerhard Schröder und nicht Joschka Fischer. Also: Fischer schmückt sich mit Bescheidenheit, derweil der Kanzler seit Wochen in der Irakfrage die Vorgaben liefert. Dass der Außenminister so systematisch in den Hintergrund zurückgewichen ist, ließ sich zuletzt beobachten, als in den 50ern der Kanzler Adenauer und der Diplomatiechef Brentano hieß. Dabei muss es Fischer und seinen AA-Apparat heftig grämen, dass in Berlin so viel diplomatisches Porzellan zerschlagen wurde. Aber vielleicht schlägt die Stunde der Profis wieder in der Nachkriegszeit.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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