Politik : Was macht die Welt?

Kritik nach dem ersten Akt, bedeutsame Funde, Nebel lichten

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Vier Fragen an Josef Joffe

Keine Revolte gegen Saddam, und sein Militär kämpft hart. Waren Amerikas Kriegspläne zu optimistisch?

Man darf es so ausdrücken: Den ersten und wichtigsten Schritt, die strategische Überraschung, haben die Alliierten nicht geschafft, weil der Aufmarsch seit Monaten läuft. Dafür ist Saddam eine taktische Überraschung gelungen. Seine Armee ist nicht kollabiert; zudem hat er zum klassischen Mittel aller Schwächeren gegriffen: der „asymmetrischen Kriegführung", also GuerillaKampf, Angriffe auf die hastig vorgetriebenen Nachschublinien, Täuschungsmanöver, schließlich die klassische Methode stalinistischer Politkommissare: Unwillige Soldaten wurden von hinten erschossen. Das heißt, die Szenarien waren in der Tat zu optimistisch. Indes: Man soll einen Krieg nicht nach der ersten Woche beurteilen – ebenso wenig wie ein Drama nach dem ersten Akt.

Wird der Irak ein Protektorat der UN oder der USA – und wie reagiert dann die arabische Welt?

Angesichts mangelnder amerikanischer Begeisterung für die UN ist ein amerikanisches Protektorat die wahrscheinlichere Alternative. Andererseits darf man bei einem gewichtigen Teil der Regierung Bush wie der Generalität nicht die noch geringere Begeisterung für „nation-building" und lange Verweildauer übersehen. Das spricht für die UN. Bloß: Wer sind die UN, wenn nicht auch die Amerikaner? Ohne sie können die UN kaum eine Ordnungsrolle übernehmen. „Was macht die Welt" glaubt, dass just solche Fragen derzeit im Bundeskanzleramt gewälzt werden. Auch hier ein kräftiges Einerseits-Andererseits. Die Berliner wollen sich keine weiteren Bürden aufhalsen, aber ebenso wenig wie die Franzosen den USA das Sagen über den Irak überlassen.

Amerikaner und Briten haben noch keine Massenvernichtungswaffen gefunden. Warum?

Der britische Verteidigungsminister hat gerade erklärt: „Wir haben wichtige Beweise, wonach sich das irakische Regime auf den Gebrauch von Massenvernichtungswaffen einstellt." Seine Soldaten hätten „bedeutsame Entdeckungen" gemacht. Die C-Waffen, die Saddam zweifellos noch hat, werden wahrscheinlich für den „Endkampf" in Bagdad gelagert. Ratschlag an Saddam: lieber nicht benutzen; die Folgen werden fürchterlich sein. Überdies haben selbst die Franzosen erklärt, dass sie in diesem Fall an die Seite ihrer einstigen US-Verbündeten rücken werden.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Hier ist die Lage so unklar wie im Kriegsgebiet selbst. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass die Berliner ihre harte Haltung gegen die USA zu überdenken beginnen. Ein Hinweis: Die Regierung behauptet nicht, dass der Krieg völkerrechtswidrig sei; kein Wunder, dann müsste sie jegliche Hilfen für die Amerikaner (Basen-, Überflugsrechte) stoppen. Hier und da hört man auch, dass sich Deutschland am Wiederaufbau des Irak zu beteiligen gedenkt – gewiss aus dem sehr realpolitischen Grund, so ein Wörtchen bei der Zukunft mitreden zu können. Aber auch hier heißt die Devise: abwarten, bis der „Nebel des Krieges" (Clausewitz) sich lichtet.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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