Politik : Was macht die Welt?

Allianzen à la carte und militärische Appetitanreger

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Vier Fragen an Josef Joffe

Die USA wollen, dass NatoTruppen für Stabilität im Irak sorgen. Wird es so kommen?

Wohl kaum. Die Nato als solche gibt es nicht mehr, weil es den großen Gegner Sowjetunion, um dessentwillen sie entstanden und 40 Jahre lang erhalten worden ist, nicht mehr gibt. Übrig geblieben ist eine À-la-carte-Allianz, die in Bosnien und im Kosovo eingegriffen hat – übrigens ganz ohne Segen des UN-Sicherheitsrates. Im Irak aber bestand die „Koalition der Willigen" letztendlich nur aus Amerika und England plus 200 Polen. (Australien, das auch dabei war, gehört nicht zur Nato.) Wer bei der Befriedung mitmachen wird, wird dies nicht qua Nato-Nation tun, sondern aus ganz egoistischen Interessen: um ein Wörtchen mitreden zu können. Zum Beispiel Frankreich. Nachdem es den Krieg gegen den wichtigen Wirtschaftspartner Irak nicht verhindern konnte, wird es seine Interessen durch Dabeisein zu sichern versuchen.

Die US-Regierung droht Syrien und Iran. Machen die Irak-Erfahrungen Appetit auf mehr gewaltsamen „regime change"?

Washington hat gedroht, nachdem Syrien offensichtlich Waffen an den Irak geliefert hatte. Und die Iraner sollten die Badr-Division, eine Schiiten-Truppe, die in Iran stationiert ist, zurückhalten. Das sind völlig legitime Drohungen, wenn man sich im Krieg befindet. Daraus eine Politik des weiteren Regimewechsels abzulesen, hält „Was macht die Welt?" für kühn. Das drängendste Post-Irak-Problem sind die nordkoreanischen Atomwaffen. Dorthin wird sich der amerikanische Blick wenden, wenn der Irak-Krieg vorbei ist.

Wer kann Europa aus der Spaltung herausführen: Aznar, Blair, Chirac, Schröder … ?

Wie können die Böcke den Garten bestellen? Chirac und Schröder haben die Spaltung vorweg zu verantworten, weil sie so ungeniert ihren Führungsanspruch angemeldet hatten. Das passt weder Aznar noch Blair, die mit 16 anderen Staaten in Stellung gegen Berlin und Paris gegangen sind. Diese Spaltung werden die vier nur gemeinsam und dann nur in dem Sinne überwinden können, dass sie die tiefen Interessengegensätze, die im Irak-Krieg sichtbar geworden sind, mit allen Methoden der diplomatischen Kunst überkleistern.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die hat, als sich ein amerikanischer Sieg abzuzeichnen begann, in Gestalt von Gerhard Schröder zeitgemäß die richtigen Instinkte bewiesen: Deutschland sei nicht neutral, sondern ein Verbündeter von Amerika und England. Schröder wird wohl auch gemerkt haben, dass er mit seinen pazifistischen Parolen Geister geweckt hat, die er gern wieder beherrschen würde. Also ließ er seinen Generalsekretär Olaf Scholz sagen, dass die Partei „Amerika-Hetze" überhaupt nicht goutiere. Und Doris Schröder-Köpf notierte im Fernsehsender N-24, dass Krieg manchmal doch nötig sei. Demos und Diplomatie verhalten sich zueinander wie Marsch- zur Kammermusik, und nun, da es um die Reparatur alter Bündnisse und die Konstruktion neuer Ordnungen geht, ist das Streichquartett wieder angesagt. So muss es in der Diplomatie grundsätzlich sein.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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