Politik : Was macht die Welt?

Schröders Leichtsinn, Chiracs Muskelschwäche, Fischers Wolke

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Vier Fragen an Josef Joffe

Deutschland darf nicht vor die Wahl zwischen Frankreich und Amerika gestellt werden, sagt der Kanzler. Was muss er tun, um es zu vermeiden?

Gut, dass unser Kanzler, wiewohl etwas spät, das Uraltprinzip deutscher Außenpolitik seit Adenauer wieder entdeckt hat, also die Balance zwischen dem Rheinischen und Atlantischen. Und nicht so gut, dass er es vor dem und während des IrakKrieges so leichtsinnig aufgeben hatte. Denn: Indem er sich so bedingungslos an die Seite von Chirac stellte, hatte er dessen radikalen Anti-Amerika-Kurs erst möglich gemacht, und jetzt merkt er: mitgegangen, mitgefangen. Zweitens hat die „Achse" nichts gebracht, weil sie den Krieg nicht stoppen konnte. Drittens hat dieser Hegemonialanspruch Europa heftig gespalten, was auch nicht in Deutschlands Interesse sein kann. Also ist die neue Devise die alte: die Balance zwischen Paris und Washington unter sorgfältiger Vermeidung allzu prononcierter Russophilie.

Colin Powell kommt nach Berlin. Was kann er erwarten?

Warum sollte „Was macht die Welt?" das besser wissen als unser Außenminister, der in seinem jüngsten Interview (mit der „Zeit“) bloß Ungefähres von sich gegeben hat. Powell darf sicherlich eine atmosphärische Aufwertung erwarten. Aber auch Substanzielles? Dazu müssen die Berliner erst einmal ihre Prioritäten neu sortieren, bloß scheinen sie nicht zu wissen wie. Wer kategorische Oppositions- und Achsenpolitik während des Krieges betreibt, genießt etwa so viele Optionen in der Danach-Diplomatie wie die Wowereit-Koalition in der Berliner Haushaltspolitik. Schröder/Fischers Amerikapolitik wird nicht in die Lehrbücher der Außenpolitik eingehen, es sei denn unter der Rubrik „Fehlstarts und Sackgassen".

Polen als Sieger- und Besatzungsmacht im Irak: Was bedeutet das für Europa?

Die Polen dürfen sich freuen, endlich wieder auf der Siegerseite zu sein, zum ersten Mal seit ihrem Triumph gegen die Sowjetarmee anno 1922. Aber die Sache geht tiefer: In „Alt-Europa" haben wir bisher geglaubt, dass die „Neu-Europäer" bloß ein Bedürfnis hätten: so eng und so schnell wie möglich in die Umarmung durch Deutschland und Frankreich. Jetzt zeigt es sich, dass sie ganz andere strategische Interessen haben: wenn schon Anlehnung, dann lieber an die weit entfernte amerikanische Supermacht als an zwei nicht so muskulöse Mittelgewichte, die ungeniert auf den eigenen Führungsanspruch pochen. Berlin wird auch in diesem Bereich Reparaturarbeit leisten müssen.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Man fragt sich immer heftiger, ob Joschka F. überhaupt noch außenpolitische Ambitionen hat, die sich auf Deutschland beziehen. Er setzt weder Pflöcke noch Signale, sondern vermeidet alles, was nach Ecken und Kanten klingen könnte; das liebste Ambiente des einst so Temperamentvollen ist die Wolke. „Was macht die Welt?" spekuliert also, dass es ihn nach Brüssel zieht, und den Job als Euro-Außenminister kann er nur kriegen, wenn er niemandem weh tut, am wenigsten sich selbst.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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