Politik : Was macht die Welt?

Kein Senfgas im Gully und ein Schmusekätzchen in Amerika

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Vier Fragen an Josef Joffe

Erschüttert es die Glaubwürdigkeit der USA, wenn der VizeVerteidigungsminister nun sagt, beim Irakkrieg sei es gar nicht um Massenvernichtungswaffen gegangen?

Ganz so hat er’s natürlich nicht gesagt, sondern: Massenvernichtungswaffen waren ein Grund von mehreren. Im Übrigen bleibt die Sache rätselhaft. Selbst unser eigener BND hat noch 2000 in einem frei zugänglichen Dokument aufgelistet, wie viele Tonnen von diesem und jenem Kampfstoff weder zerstört noch gefunden worden waren. Dito viele Berichte der UN-Inspekteure. Möglich, dass sie alle bis zum Kriegsbeginn vernichtet worden sind. Bloß: Warum hat Saddam nicht den Beweis dafür erbracht? Sarin und Senfgas werden nicht einfach in den Gully gekippt. Rätselhaft ist ebenfalls, dass die USA den Abzug ihrer militärischen Spürtrupps bekannt gegeben haben. Dies wäre ein guter Moment, die UN-Inspekteure wieder in den Irak zu schicken.

George W. Bush reist sieben Tage um die Welt. Wen und was bewegt diese Reise?

Offensichtlich bewegt die Reise so manchen, der jüngst die USA zu konterkarieren suchte und nun um Zeichen des Wohlwollens buhlt. Chirac redet von „gewissen Angstgefühlen“ im Blick auf den G-8-Gipfel in Evian, wo auch Bush auftritt, und Schröder würde sich sicherlich über eine „photo opportunity“ zu zweit freuen. Bloß: Derweil Bush kurz vor seinem Aufbruch „Vive la France!“ sagte und seine Vorfreude auf ein Treffen mit Chirac kundtat, verliert er kein einziges Wort über Schröder. Was sich sonst noch bewegt? Bush sprach auch von einer „Politik des starken Dollar“. Das könnte den Dollarverfall stoppen. Schließlich bewegt sich auch der Nahe Osten, wo sich Bush am Dienstag mit Israelis und Palästinensern treffen wird. Zur Abwechslung gibt es deshalb wieder gute Nachrichten aus der Region: Beide Seiten bewegen sich.

Die UN schicken 1000 weitere Blauhelme in den Kongo. Ist deren Mandat robust genug?

Das Mandat vielleicht, die Menge nicht. Wo so lange so blutrünstig gekämpft worden ist, wo so viele Bodenschätze auf dem Spiel stehen, werden 1000 Mann nur der Anfang sein. Damit eine Tausendschaft reicht, muss dahinter die glaubhafte Drohung von viel mehr stehen. Außerdem: Das Gros der Truppe sind Franzosen. Die aber sind besonders verhasst im Kongo, weil sie zur Zeit des Ruanda-Genozids die Mörder aus dem Stamm der Hutu geschützt hätten. Deshalb das Risiko: dass die beiden kämpfenden Völker – die Hema und Lendu – die Ankunft der Truppe zu einer Großoffensive nutzen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Welche Außenpolitik? Für den Kanzler findet die große weite Welt derzeit innerhalb der deutschen Grenzen statt. Da ist das Volk der Parteirebellen, das besänftigt oder unterworfen werden muss. Dann die Großmacht CDU/CSU, die es einzubinden oder abzuschrecken gilt. Dann ein Verbündeter, die Grünen, deren Führer namens Fischer derzeit abhanden gekommen zu sein scheint. Schließlich der Angstgegner namens Wahlvolk, das gänzlich abtrünnig zu werden droht. Gegen all diese ist Bush ein Schmusekätzchen.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen tib

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