Politik : Was macht die Welt?

Bushs Luftoption, Bayerns Seligkeit, Joschkas Fettnäpfchen

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Vier Fragen an Josef Joffe

Präsident Bush droht Iran, er werde den Bau einer Atomwaffe nicht tolerieren. Plant er den nächsten Krieg?

Nein. Die Drohung gehört zur allgemeinen Kulisse, die jetzt allenthalben aufgebaut wird. Dazu gehören die scharfen Worte der Wiener NuklearKontrollbehörde IAEO, wonach Iran, ein Land, das dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist, seinen Verpflichtungen nicht nachkomme – also gewisse Atomanlagen nicht inspizieren lasse. Baut Teheran an Atomwaffen? Richtig ist, dass es die Anlagen besitzt, bombenfähiges Material herzustellen, darunter eine Fabrik zur Anreicherung von Uran. Und wenn der Druck nicht reicht? Dann hätten die USA die „israelische Option“: ohne Krieg die kritischen Anlagen aus der Luft zu zerstören – wie einst Israel, als es 1981 den irakischen Reaktor „made in France“ bombardierte.

Auch die neue EU-Sicherheitsdoktrin lässt Gewalt als letztes Mittel gegen Massenvernichtungswaffen zu. Eine Annäherung an Amerikas Präventivschlag-Denken?

Ja, zumindest theoretisch. Auch in der Praxis? Gegenfrage: Womit? Die 60 000-Mann-Armee, welche die EU aufbaut, soll lediglich Polizei- und Friedensaufgaben wahrnehmen; mehr kann sie nicht. Fürs Präventive fehlt ihr das strategische Potenzial, also Langstreckenwaffen, Transportkapazitäten und Satellitenaufklärung. Sie könnte also nur zusammen mit Amerika agieren. Kann sich überdies irgendjemand vorstellen, dass die EU Iran oder Nordkorea angreift? Eher werden die Khomeinisten zum Katholizismus übertreten – und die Nordkoreaner freie Wahlen zulassen.

Im internationalen Vergleich hat Deutschland angeblich zu viele Feiertage. Ist das entscheidend für die Konkurrenzfähigkeit?

Zumindest hat Bayern mehr Feiertage als jedes andere westliche Land: 18. Wirtschaftlich aber stehen die Bajuwaren besser da als so manche evangelische Bundesländer. Deutschlands Problem sind nicht seine Feiertage; es ist die hanebüchene Vorstellung, dass Arbeit eine konstante Menge ist, die sozusagen rationiert werden müsse (siehe 35-Stunden-Woche). Tatsächlich dient das nicht der Gerechtigkeit, sondern der Stagnation. Denn: Je kürzer die Arbeitszeiten (bei vollem Lohnausgleich, versteht sich), desto teurer wird Arbeit und desto weniger gibt es. Ergo: hartnäckige und steigende Arbeitslosigkeit. Das – und nicht die Feiertagsseligkeit – ist das deutsche Problem.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

Joschka Fischer soll gesagt haben, die Europäer bräuchten eine „neue Boston Tea Party.“ Damit spielte er auf die Revolte der Noch-nicht-Amerikaner gegen die britische Krone an. Anno 1773 warfen die Bostoner eine Schiffsladung Tee in den Hafen, um so gegen die britischen Zölle zu protestieren. Ein delikater Vergleich. Sieht Fischer Europa als Kolonie Amerikas und in George W. den dritten George von England? Dann muss er den Vergleich zu Ende denken: Ab 1775 nämlich machten die Jung-Amerikaner Krieg gegen das Mutterland. Ach, Joschka, warum müssen deutsche Politiker immer zu Vergleichen greifen (siehe auch: Däubler-Gmelin, Herta), die von den Lippen direkt ins Fettnäpfchen plumpsen?

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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