Politik : Was macht die Welt?

Mordbube Taylor, Buffo Berlusconi und glücklicher Fischer

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Vier Fragen an Josef Joffe

Präsident Bush erwägt Truppen nach Liberia zu schicken. Welche USInteressen sind dort bedroht?

Keine, ebenso wenig, wie EU-Interessen durch das Gemetzel im Kongo bedroht sind. Bedroht sind moralische Interessen. Seit dem Völkermord in Ruanda fällt es wenigstens der westlichen Welt immer schwerer, zu- oder wegzuschauen, wenn anderswo die Mordbuben wüten. Aber strategische Interessen? Im Kongo, wo die Ex-Kolonialmacht Frankreich die Führung ergriffen hat, locken reiche Bodenschätze. In Liberia, einem der verkommensten Staaten der Welt, ist nichts mehr zu holen, außer einem bisschen Öl. Es gibt also keinen realen Grund für einen US-Eingriff, außer dem moralisch-historischen: Liberia wurde buchstäblich von Amerika gegründet – als Heimstatt für befreite Sklaven. Und etwas Scham: Schlächter wie Taylor waren wie fast alle Gewaltherrscher Afrikas Kreaturen der Weltmächte: nützliche Figuren auf dem Schachbrett des Kalten Krieges.

Israels Premier Scharon sagt, die Friedenschancen im Nahen Osten seien größer als je zuvor. Wie groß – oder klein – ist „größer“?

Wie viele Engel können auf einer Nadelspitze tanzen? Das ist auch so eine scholastische Frage. Größer als Null, lautet die Antwort, und das ist eine Menge in Nahost. Als PLO-Chef Arafat im Herbst 2000 Intifada und Terror entfachte, um einen besseren Deal als den von Camp David zu erzwingen, fiel die Chance auf 100 unter null; er hätte wissen müssen, dass Israel Massaker an Zivilisten im eigenen Land mit äußerster Härte und Hartnäckigkeit verfolgen würde. Heute ist Arafat isoliert, sind Hamas und Co. geschwächt und Hardliner-Staaten wie Syrien (teilweise) und Irak (ganz) neutralisiert. Plötzlich redet Scharon ganz artig mit dem Palästinenser-Premier Abbas, und der retourniert das Kompliment, derweil Bush heftigen Druck auf beide ausübt. Eine freundliche Ausgangslage – bis zum nächsten Terrorschlag.

Silvio Berlusconi hat sich für den KZ-Vergleich zwar nicht entschuldigt, ihn aber bedauert. Für Kanzler Schröder ist der Fall damit erledigt. Ist er das?

Offensichtlich, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Wer gegen die Berlusconi-Regierung (fast möchte man schon „Regime“ sagen) vorgehen will, riskiert eine gravierende Verwundung der EU, wogegen Berlusconi zumindest mittelfristig eine erträglichere Last ist. Noch ist Berlusconi mehr buffo als bandito – und Italien ein Land, in dem die republikanischen Strukturen zwar wackeln, aber nicht fallen. Vertrauen wir auf die Selbstreinigungskräfte von Bella Italia. Diese aber durch freundschaftliche Kritik von außen zu ermuntern, wäre nicht falsch.

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

Das großformatige Leib- und Magenblatt der Republik mit den schönen jungen Frauen auf der Seite eins berichtet, dass Fischer eine „Neue“ hat. Stabilitätspolitisch ist dies angesichts einer Scheidungsrate von über 40 Prozent nicht zu begrüßen. Andererseits: Ein glücklicher Außenminister ist ein guter Außenminister, und die Gelassenheit der Seele ist ein äußerst wichtiger Vorteil in diesen schwierigen Weltläuften.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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