Politik : Was macht die Welt?

Die toten Söhne und die selbstlosen Deutschen

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Vier Fragen an Josef Joffe

Die BushRegierung hält ihren Vertrauensverlust im Irak offenbar für so hoch, dass sie Leichen als Beweise vorführt. Kann das ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen?

Auch wenn’s nur Fotos sind, sollten sich zivilisierte Staaten nicht verhalten wie früher jene Barbaren (und heute noch in Afrika und Nahost), die ihre gemeuchelten Feinde als Paradeobjekt vorführten. Indes agieren die USA nicht in einer zivilisierten Umgebung, wiewohl der Irak, alias Mesopotamien, einst die Hochkultur war, aus der Abraham, der Erfinder des Monotheismus, stammte. Nur haben die USA ein Problem mit den baathistischen Freunden, die versuchen, den Mythos Saddam am Leben zu erhalten, um so ihre Herrschaft wiederherzustellen. Zu beweisen, dass Nr. 2 und 3 tot sind, ist zwar geschmack- und kulturlos, aber ein effektives Signal an die Unentschiedenen, dass dem Regime bis auf Saddam die Spitze abgebrochen worden ist. Stellen wir uns vor, dass Hitler und seine beiden Söhne (die er nicht hatte) nach der Kapitulation durch die Alpen gegeistert wären. Die Nazi-Nachhut hätte ihren „Werwolf“-Kampf nicht so schnell aufgegeben.

Seit Wochen bitten die Liberianer Amerika um Hilfe. Warum zögert Bush, Truppen zu schicken, um den Bürgerkrieg zu beenden?

So heftig zögert er nicht, hat er doch gerade eine Flottille mit 2300 Marine-Infanteristen an Bord vom Mittelmeer aus in Richtung Liberia beordert. Mit den 1300 Nigerianern, die schon da sind, könnte diese Truppe das Blutbad beenden. Bislang wird Bush geglaubt haben, den Oberschlächter des Landes, Präsident Taylor, mit drohenden Worten verjagen zu können. Wenn der nicht rasch ins Exil verschwindet, werden ihn wohl die Marines dazu bringen, die in etwa einer Woche vor der Küste auftauchen werden.

Zum ersten Mal empfängt George W. Bush einen Palästinenserführer im Weißen Haus. Was bedeutet das für den Friedensprozess?

Was kann man zu Nahost noch sagen, was nicht morgen schon wieder falsch wäre? Arafat wurde auch schon im Weißen Haus gefeiert. Es blieb, um mit zwei Buchtiteln von Balzac zu hantieren, eine Geschichte „Verpasster Gelegenheiten“ und „Verlorener Illusionen“. Aber Abbas’ Aufwertung kann nicht schaden, zumal gegenüber Arafat, der seinen Abstieg noch immer nicht verknusen kann. Ob des Premiers güldene Epauletten „Made in USA“ die Terrorgruppen beeindrucken, zu denen auch Arafats Aksa-Brigaden gehören? Inschallah.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Unsere Entwicklungsministerin Heide W.-Z. hat gerade eine interessante Doktrin vorgestellt. Die USA sollten in Liberia eingreifen, um so zu zeigen, dass sie auch ohne „unmittelbare wirtschaftliche und geostrategische Interessen“ das Risiko einer Intervention auf sich nehmen. Krieg nur dann, wenn man keine Interessen hat, jenseits von Gewinn- und Kostenkalkül? W.-Z. möge diese Doktrin doch gleich zu Hause testen: „Deutsche, süß und ehrenvoll ist es nur dort zu sterben, wo wir keine Interessen haben; auf nach Liberia, Sudan und Kongo!“ Denn: Deutsch sein, heißt selbstlos sein.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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