Politik : Was macht die Welt?

Der Austriator, der Profi Stalin und der Diercke-Atlas

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Vier Fragen an Josef Joffe

Verteidigungsminister Struck möchte den Einsatz der AfghanistanFriedenstruppe von Kabul auf die Provinzen ausweiten, ohne ihre Zahl signifikant zu erhöhen. Kann das gut gehen?

Vorsicht! Bisher wurden deutsche Truppen nur dort eingesetzt, wo der Bleigehalt der Luft entweder null oder sehr niedrig war. So konnten wir Bündnistreue oder Menschenpflicht zelebrieren, ohne viel zu riskieren – eine feine Sache im Leben der Nationen. Außerhalb von Kabul aber wird’s gefährlich. Und die friedensliebenden Deutschen gerieten dort in eine Situation, wo sie andere umbringen müssten, von den eigenen Opfern gar nicht zu reden. Dann wären wir nicht mehr die besseren Menschen, sondern so wie Amis, Anglos, Franzosen, Israelis usw. Herr Struck möge noch einmal in sich gehen oder sich mit den gewissenspolitischen Sprechern der Fraktion beraten.

Arnold Schwarzenegger will nun doch in der kalifornischen Gouverneurswahl antreten. Gut für Österreich?

Gut jedenfalls für die Welt, die der Austriator schon zweimal gerettet hat – in T-II und T-III. Warum nicht auch Kalifornien, den zugleich verkommensten und glänzendsten Staat der USA – die zehntgrößte Wirtschaft der Welt. Das Eldorado der Filme und Chips, mit drei der besten Unis Amerikas, hat ein Budgetdefizit von 59 Milliarden Dollar und in Gouverneur Gray Davis einen Versager der Extraklasse. Unter den 400 Kandidaten, die je 3500 Dollar für einen Platz auf dem Wahlzettel bezahlt haben, wird der Gubernator zumindst die beiden schlagen, die bloß antreten, weil sie heißen wie zwei Hollywood-Größen: Michael Jackson und Bill Murray. Außerdem hat „Arnie“ ein hochprofessionelles Team um sich versammelt. Schließlich ist es Zeit für einen Jobwechsel. In seinem fortgeschrittenen Alter ist ein Schreibtisch bequemer als die Schnellfeuer-Kanone.

Nach dem Holocaust-Mahnmal soll in Berlin auch ein Zentrum gegen Vertreibungen entstehen. Muss das Polen, Tschechen und Juden beunruhigen?

Na ja, die Juden wohl nicht, weil die Vertreibungsmaschinerie doch sehr einseitig nur gegen sie gearbeitet hat. Polen und Tschechen? Die waren einst die schuldlosen Opfer der Deutschen, dann, als sich das Kriegsglück gewendet hatte, die Täter. Es wäre besser, ein europäisches Vertreibungsmahnmal zu errichten, vielleicht in Srebrenica oder gar in Moskau, waren doch die Tschechen und Polen geradezu Amateure im Vergleich zu Stalin, dessen Vertreibungs- und Vernichtungsopfer in die doppelstelligen Millionen gehen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Zurzeit unmöglich, weil „Was macht die Welt?“ in Australien ist, wo die Nachrichten über D ganz, ganz dünn sind. Indes lohnt sich der Blick auf die Nachbarschaft, wo die Australier sich mit immer mehr Sicherheitsproblemen herumschlagen müssen – in Papua-Neuguinea oder den Solomon-Inseln, Staaten, die nie in unserem Diercke-Atlas verzeichnet gewesen sind. Unterschleif, Putsch und Mordbrennerei machen sich breit. Glücklich ein Land, das sich mit Minijobs und Pro-Kopf-Pauschalen beschäftigen darf.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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