Politik : Was macht die Welt?

Weniger Al Qaida, mehr Arafat, weniger Stresemann

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Vier Fragen an Josef Joffe

11. September, zweiter Jahrestag. Hat der Krieg gegen den Terror unsere Welt sicherer gemacht?

Erstens ist Afghanistan kein Staat mehr, den Al Qaida als Ausbildungs und Rückzugsgebiet kapern konnte. Zweitens ist das Terrornetzwerk im Visier aller wichtigen Geheimdienste der Welt; das hat – bis jetzt – Attacken auf Amerika und den Westen verhindert, derweil in Indonesien ein nationaler Ableger schwer dezimiert wurde. Drittens: In Irak gibt es offensichtlich kein nutzbares Massenvernichtungspotenzial mehr; auch das ist ein Sicherheitsgewinn. Auf der Negativseite: Dort fordert der Terror fast täglich neue Opfer. Anderseits: Im Vergleich zu den Hunderttausenden, deren Blut an Saddams Händen klebt, ist diese Zahl gnädigerweise sehr klein.

Außenminister Powell darf sich nun doch um ein UN-Mandat für den Irak bemühen. Wird Präsident Bush weich?

Ist er schon, aber nicht so weich, dass er den UN den militärischen Oberbefehl über Irak überlassen würde. Zu Recht: Der 200-Staaten-Verein, der nicht das abstrakte Weltgewissen, sondern nationale Interessen verkörpert, kann weder Frieden noch Sicherheit schaffen. Das müssen die Amerikaner im Verbund mit gleich gesinnten, kriegsfähigen Staaten oder der Nato schaffen. Trotzdem wird Bush den UN im Austausch für eine genehme Resolution ein erklecklich Maß an zivilem Einfluss anbieten müssen.

Arafat hat sich lange nicht getraut, den ungeliebten Premier Abbas zu stürzen. Nach dessen Rücktritt: Wer hat die besseren Nerven?

Jetzt hat Arafat sich getraut – oder genauer: Abbas so lange gequält, bis der den Rücktritt einreichte. Indes wissen wir, dass in Arabien Rücktritte auch als Taktik im Machtkampf genutzt und daher auch zurück- oder nicht angenommen werden. Fällt die ganze Macht wieder in Arafats Hände, wird die Lage ernst. Die Israelis könnten dann alle Rücksicht gegenüber den moderateren Kräften fahren lassen und zu einem massiven Schlag gegen die Terrorbrigaden ausholen (anders als im Falle Al Qaida kennen sie die Namen und Adressen). Umso wichtiger ist es, dass EU, USA und Russland die Israelis zurückhalten, indem sie Arafat, der mit EU-Geldern seine Machtbasis verbreitert, zwingen, Abbas zurückzurufen. Einen wichtigen Schritt hat die EU schon getan: Sie will endlich die Hamas als Terrororganisation einstufen, um so deren Einnahmequellen in Europa zuschütten zu können.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Unser Kanzler, der sich monatelang bemüht hatte, das Verhältnis zu Bush einzurenken (derweil der Berlin den Hof machte), ist unter dem Einfluss von Chirac wieder rückfällig geworden. Zusammen mit Amerikas Erzrivalen hat er Washingtons Bemühen um eine UN-Resolution nicht gerade freundschaftlichen Wortes konterkariert. Eine Resolution, die den UN mehr Macht zuteilt, erreicht man nicht durch öffentliche Ohrfeigen. Es gilt die alte Weisheit: Reize den Riesen nicht, wenn du ihn nicht bezwingen kannst. Wo sind Stresemann und Genscher, wenn man sie wirklich braucht?

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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