Politik : Was macht die Welt?

Deutscher Weizen in Afrika, Arafat und andere Übel dieser Erde

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Vier Fragen an Josef Joffe

Zwei Jahre nach dem Anschlag vom 11. September glaubt jeder dritte Deutsche unter 30, Amerika stecke selber dahinter. Bushs Rückkehr in die UN verspotten manche Medien als Wende vom Großmaul zum Bittsteller. Wird Deutschland antiamerikanisch?

Ein weites Feld, zumal jeder Anti-Amerikaner (wie jeder Anti-Semit oder „Anti-Ist") die Unterstellung des „Anti-Ismus" empört zurückweisen wird – „das wird man doch wohl mal sagen dürfen." Tatsächlich muss man sich über die beschriebene Geisteshaltung Sorgen machen, ist doch jeglicher Anti-Ismus immer ein Problem in den Köpfen der Ant-Isten. Woher kommt die Obsession, den Amerikanern alles Übel dieser Welt zuzuschreiben, um sich zugleich moralisch und kulturell über sie zu erheben? Nach 60 Jahren mustergültiger Entwicklung müssten die Deutschen mehr Selbstsicherheit demonstrieren, statt Verschwörungstheorien und Überlegenheitskomplexe zu zelebrieren. Kritik ist gut, Arroganz und Verachtung sind die schlechtesten aller Ratgeber.

Israel will Arafat ausweisen. Wird der Nahe Osten dann friedlicher?

Das wird Israel nicht tun, weil es kontraproduktiv wäre. Wenn Arafat etwa nach Paris vertrieben wird (wo seine Frau und seine Konten schon sind), wird er zum berühmtesten Märtyrer seit Rudi Völler. Aber ob in Ramallah oder Paris, Arafat wird den Frieden nicht sicherer machen, weil er bleibt, was er seit 40 Jahren ist: machtverliebt und entscheidungsschwach. Im Zweifel wird er nicht für den Deal, sondern für die Gewalt optieren, und so hat er noch jede Chance für einen Staat verspielt. Er weiß auch, dass er im Frieden nicht mehr gebraucht wird. Er ist eine Tragödie für sein Volk.

In Cancun verhandeln reiche und arme Länder über freien Welthandel. Wem nützt Protektionismus – den Starken oder den Schwachen?

Protektionismus nützt immer den Starken oder genauer: den ökonomisch Schwachen, die politisch stark sind. Geschützt werden immer die Produzenten, die im eigenen System mächtig sind. Im Westen sind das die Bauern, die trotz ihrer geringen Zahl einen hohen Einfluss über die Entscheidungsprozesse haben, in den Schwellenländern sind es andere favorisierte Gruppen. Die Verlierer sind immer die Konsumenten, weil sie die schlechtestorganisierte Gruppe sind. Es ist absurd und unmoralisch, dass wir mit Steuergeldern erst Überschüsse erzeugen und dann nach Afrika verschenken, wo so die lokale Agrarindustrie vernichtet wird.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Unser Kanzler will sich demnächst mit George W. Bush treffen. Worüber will er mit ihm reden? Über die loyale deutsche Hilfe im Afghanistan- und Irakkrieg, über die deutschen Truppen in Afghanistan, die Marine am Horn von Afrika, die Überflug- und Stützpunktrechte? So würde er das Verhältnis zu Washington verbessern, nicht aber zu jenem Teil des Wahlvolks (siehe Frage 1), das seine Verachtung gegenüber Amerika auslebt. Sagt aber Schröder dem Bush, was er wirklich von ihm denkt, zieht Bush seinen Botschafter aus Berlin ab. „Was macht die Welt?" rät: Lieber den Joschka mit dem Colin plaudern lassen.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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