Politik : Was macht die Welt?

Bush verbeugt sich, Blair wird gerupft, Fischer eilt zurück

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Vier Fragen an Josef Joffe

Der amerikanische Präsident George W. Bush behauptet, die Deutschen seien alle Pazifisten. Hat er Recht?

Er hat’s nett gemeint, wollte er doch so bei seinen Landsleuten um Verständnis dafür werben, dass Schröder alle mögliche Hilfe im Irak leisten will, aber keine militärische. Die Deutschen sind so wenig Pazifisten wie irgendwelche anderen Nationen – bis auf jene wenigen Menschen überall, die tatsächlich glauben, sie würden bei einem Angriff auf ihre eigene Person, ihr Kind, ihre Mutter, ihr Land prinzipiell jede gewaltsame Abwehr verweigern. Richtig hingegen ist, dass die Deutschen, die einst die gewalttätigste Nation in der westlichen Welt waren, heute so aggressiv sind wie Teddybären – jedenfalls im nüchternen Zustand. Das Münchner Oktoberfest ist eine andere Sache. Dito die Bundesautobahn, auch ganz ohne Promille.

Hat sich der Gang zu den UN in der vergangenen Woche für die Amerikaner gelohnt?

Ja. Das war die erste Verbeugung vor dem Multilateralismus seit Verteidigungsminister Rumsfeld 2001 frohgemut erkläte, die Aufgabe bestimme die Koalition und nicht andersherum – und so Bündnisse und Institutionen auf den Rücksitz verwies. Zwar hat Außenminister Powell noch keine neue UNResolution, aber die beiden Hauptgegner Amerikas im Irak-Krieg – Deutschland und Frankreich – agieren und parlieren neuerdings viel milder. Paris insistiert nicht mehr auf eine rasche Übergabe der Regierungsgewalt, Berlin verspricht Hilfe beim Humanitären und beim Aufbau der Polizei. Derweil einige Links-Wilhelministen in der schwatzenden Klasse ihre Schadenfreude auskosten, müssen sich vernünftige Amerika-Kritiker hierzulande darüber freuen: Die ernüchterte Supermacht kehrt zu ihren besseren Traditionen zurück.

Seit gestern läuft der Labour-Parteitag in Bournmouth. Wie wird Tony Blair ihn überstehen?

Gerupft, aber nicht gebrochen. Das ist wie bei den deutschen Soz-Dems: Solange kein ebenbürtiger Rivale einen echten Putsch organisiert, stürzen die Strauchler nicht. Gordon Brown, der Finanzminister, giert zwar seit Jahren nach der Macht, aber wird er sich wirklich trauen, Blair frontal anzugehen – mitten in einem Krieg? Und die Tory-Opposition hat sich noch immer nicht von Thatcher-Major erholt. Ihr Führer – „Was macht die Welt“ glaubt, er heißt Ian Duncan Smith – hat (noch) keine Chance gegen Blair. Andererseits sollten sich Journalisten nicht als Wahrsager betätigen. Stattdessen sollten sie sich an das alte amerikanische Sprichwort halten: „24 Stunden sind eine lange Zeit in der Politik.“

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

Der musste sich schon wieder außerhalb seines eigentlichen Amtes betätigen: als ewiger, wiewohl ungesalbter Parteichef der Grünen. Deshalb ist er vergangene Woche früher als geplant aus New York zurückgeflogen, um die rot-grüne Mehrheit in der Abstimmung über die Gesundheitsreform zu sichern. Ein hübsches Paradox: Keine Partei ist so hierarchiefeindlich wie die Grünen, keine hängt so sehr wie diese an dem Über-Hierarchen Joschka.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: mos

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