Politik : Was macht die Welt?

Unbeirrte Mullahs, sparsame Pistoleros, Quartalsmoralisten

-

Vier Fragen an Josef Joffe

Die iranische Menschenrechtsanwältin Schirin Ebadi erhält den Friedensnobelpreis. Wen beeindruckt das im Iran?

Nicht jene Kraft im „Gottesstaat“, die es zu beeindrucken gilt, nämlich die Mullahkratie. Die Hoffnung zumal der Europäer seit 20 Jahren – dass die Ajatollahs irgendwann den Modernisierungszwängen einer explodierenden Bevölkerung nachgeben müssten – ist immer wieder enttäuscht worden. Terror und Unterdrückung funktionieren noch immer sehr gut in dieser 2500 Jahre alten Zivilisation. Trotzdem war das mutige, ja politisch inkorrekte Signal des norwegischen Preiskomitees sehr wichtig. Es zeigt den antiklerikalen, demokratisierenden Kräften in Iran, dass die Welt sie nicht vergessen hat.

Das politische Greenhorn Schwarzenegger regiert Kalifornien. Ein Modell oder ein Unfall?

Weder – noch, sondern ein Fall metaphorischer Täuschung. Die Leute glauben offensichtlich, dass der „Last Action Hero“ oder „Conan, der Barbar“ auch als Politiker so handeln wird wie diese Filmhelden, die Arnie berühmt gemacht haben. Leider hat eine Pistole in der wirklichen Welt nur acht bis 16 Schuss, während sie auf der Leinwand nie nachgeladen werden muss. Andererseits ist der neue Gouverneur kein steirischer Blödkopp, sondern ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann, der seine Millionen zusammenhält. Das dringendste Problem ist der Haushalt, der sich unter Vorgänger Gray Davis von plus 12 auf minus 38 Milliarden Dollar (fast soviel wie Eichels Neuverschuldung 2003) gedreht hat. Gewiss wird der Geschäftsmann S. hier besser Remedur schaffen als der Apparatschik Davis.

P.S.: Der Vergleich mit Ronald Reagan ist schief. Bevor er zum erfolgreichen Gouverneur avancierte, war er nicht „Schauspieler“, sondern ein geschickter Boss der US-Schauspielergewerkschaft.

Arafat läuft Gefahr, auch seinen zweiten Premier rasch zu verlieren. Gibt es denn niemand, der gern länger unter, über oder neben ihm Regierungschef ist?

Auch wenn Ahmed Kurei nicht gleich zurücktritt, sondern noch ein paar Tage weitermacht: Die Zusammenarbeit des Ministerpräsidenten, wie immer der heißt, mit Arafat, wird nur so lange funktionieren, wie er den Erfüllungsgehilfen spielt. Arafat ist ein Mann, dem seine eigene Macht stets näher war als das Schicksal seines staatenlosen Volkes; sonst hätte er seit seiner Rückkehr aus dem tunesischen Exil vor zehn Jahren nicht seine korrupte Despotie gefestigt, sondern einen halbwegs funktionierenden Proto-Staat aufgebaut. Ihm ist es egal, wer unter ihm als Ministerpräsident dient, solange die Betonung auf „unter“ liegt.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

Unser Kanzler zelebriert schon wieder einen „Schulterschluss“, diesmal mit dem russischen Präsidenten Putin. Derweil der seine weiche Alleinherrschaft festigt, feiert Schröder Putins „Reformtempo“. Zum Krieg in Tschetschenien schweigt Schröder, obwohl die EU immerhin ihre „ernste Sorge“ ausgedrückt hat. Realpolitik hat ja ihren Sinn, aber sie schmälert die Glaubwürdigkeit, wenn man anderswo, zum Beispiel gegenüber Amerika, die Flagge der Moral hoch hält.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben